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Büchernachlese-Extra: Jesus Christus (Romane, Sachbücher)

M. Baigent u. R. Leigh

Verschlußsache Jesus

Die Qumranrollen und die Wahrheit über das frühe Christentum.
Droemer Knaur, München 1991, 319 S., ISBN: 3-426-26557-5, >>> Amazon

Nach der Lektüre dieser VERSCHLUßSACHE JESUS fragt man sich einmal mehr, ob Naivität nicht ein Luxus ist, den sich heutzutage eine/r genausowenig leisten kann wie die zunehmende Umweltverschmutzung.
Das versierte Autorengespann Michael Baignent und Richard Leigh hat dieses Buch in drei Teile gegliedert, die in sich schlüssig ihre Thesen zu dem "wissenschaftlichen" Umgang mit den Qumranrollen vorführen. Die Entdeckung dieser Schriftrollen vom Toten Meer im Jahre 1947 hatte in Gelehrtenkreisen und in der Öffentlichkeit stürmische Erwartungen ausgelöst, die jedoch bereits 1954 gründlich entkräftet waren. Was in ihnen drinstünde, sei alles gar nicht so weltbewegend, da die Divergenz zwischen ihnen und dem Neuen Testament nicht erheblich sei.
Im ersten Kapitel wird nun anhand authentischer Zeugenberichte deutlich, daß hier in skandlöser Weise die adäquat systematischen Untersuchungen dieser Rollen hintertrieben worden sind. Eine sogenannte "internationale Gruppe", bis 1970 angeführt von dem Dominikaner-Pater Roland de Veaux, arbeitet sich seit über vier Jahrzehnten im Schneckentempo durch das zwar komplexe, aber längst nicht so umfangreiche Material, um dann immer nur kleine Portionen an Ergebnissen "herauszurücken", die nicht nur wegen der Menge, sondern auch wegen ihrer manipulierten und z.T. lächerlichen Grundannahmen, gelinde ausgedrückt, dürftig ausfallen. Kein Wunder, denn nachdem die noch halbwegs selbstbestimmten kritischen Geister ausgeschieden worden waren, bestand die "Internationale Gruppe" bald nur noch aus katholisch-kirchenfreundlichen Mitgliedern, die lt. Robert Eisenman, einen "Consensus" entwickelt hatte:
"Statt eindeutiger historischer Einsicht (..) wurden vorgefaßte Meinungen und Rekonstruktionen unbesehen für Tatsachen genommen und die Ergebnisse, als gegenseitige Beweise verwendet, ihrerseits zu neuen Erkenntnissen erhoben, die dazu dienten, eine ganze Generation von Studierenden irrezuführen"
Nach dem Prinzip: Es kann nicht sein, was nicht sein darf! wurde der Zugang anderer, z.T. weitaus sachkundigeren Wissenschaftlern verweigert, da diese sich solch einem "Consensus" niemals untergeordnet hätten. Nach dem Streit um Galileis Weltbild und der Darwinschen Evolutionstheorie, finden also auch im 20.Jahrhundert noch kirchliche "Wissenschaftler" ein Betätigunsfeld, die sich durch engstirnigen Fundamentalismus auszeichnen, d.h. die niemals einen konstruktiven Deutungsspielraum zwischen dem "offenbarten" Wort in der Bibel und seinem u.a. historischen und soziokulturellen Hintergrund akzeptieren.
Nun sind aber bei weitem nicht alle Katholiken Fundamentalisten. Es erhebt sich jedoch die Frage, warum sich dann bisher keiner irgendeiner vorgesetzten kirchlichen Behörde zu Wort gemeldet hatte und diesem "wissenschaftlichem" Possenspiel ein Ende bereitete.
Dies wird im zweiten Kapitel erläutert. Die "Internationale Gruppe" untersteht der "Ecole Biblique", deren Leiter wiederum Pater de Veaux war, und die zugleich der Päpstlichen Bibelkommission angehört. Nach dem Tode de Veaux wurden die Leitungs- und Forschungsposten gleich Erbhöfen immer wieder von diesen Organisationen vergeben bzw. bestimmt. Zur Zeit steht Kardinal joseph Ratzinger an der Spitze der Päpstlichen Bibelkommission, die 1964 folgendes Dekret erließ:
"Der Interpret (z.B. der "historischen Wahrheit der Evangelien" (U.K.))muß jederzeit vom Geist bereitwilligen Gehorsams gegenüber der Lehrautorität der Kirche erfüllt sein."
Wem dies ans finstere Mittelalter gemahnt, hat gar nicht so unrecht, denn Ratzinger ist auch Leiter der 1965 begründeten "Kongregation für die Glaubenslehre" und deren altehrwürdiger Stammbaum reicht zurück bis ins Jahr 1545, als diese Art Kongregation noch "Heiliges Offizium" hieß. Davor hieß sie "Heilige Inquisition".
"Ratzinger kann also wohl guten Gewissens als der kirchliche Großinquisitor von heute bezeichnet werden."
Verschärft wird dieser Umstand auch noch durch den derzeitigen Papst selbst, denn:
"Beide haben etwas gegen Theologen. Ratzinger sieht in ihnen diejenigen, die die Kirche zerstörerischen weltlichen Einflüssen aussetzen."
Im letzten Kapitel fassen die Autoren insbesondere die Erkenntnisse von Robert Eisenman zusammen, der Professor für Religionen im Nahen Osten an der California State University in Long Beach ist. Eisenman stellte allein anhand des wenigen zugänglichen Materials Thesen auf, die für die Fundamentalisten Sprengstoff = Blasphemie bedeuten, aber auch den ruhigeren Gemütern zumindest Anlaß für eine breit geführte Aussprache geben müssen. Ausgehend von diesem Material in Verbindung u.a. auch mit der Apostelgeschichte war "Paulus im Grunde der erste "christliche" Häretiker" und seine Lehren, die ja später das Fundament für das spätere Christentum bildeten, waren "eine entscheidende Abweichung von der "originären" oder "reinen Form".
Diese "reine Form" wurde nämlich von Jakobus, dem Bruder Jesu, verfochten. Jesus ist demnach nicht nur nicht aus sich heraus zum Begründer einer neuen Lehre geworden, sondern war höchstwahrscheinlich Mitglied der "Essener", die wiederum gar keine so spezielle, pazifistisch-asketische Untergruppe der Juden darstellten, wie bisher immer angenommen.
Ohne Paulus, d.h. "nur" von dem Überlieferten Jesu und seiner Anhänger ausgehend, wäre das Christentum keine eigene Religion, sondern eine radikale "Konfession" oder Sekte der Juden geblieben und vermutlich im Laufe der Jahrhunderte "ausgestorben".
"Aber Paulus wußte genau, was er tat.(..) Er wußte, was nötig ist, um einen Menschen in einen Gott zu verwandeln, und ging dabei klüger zu Werk als die Römer bei der Vergöttlichung ihrer Kaiser."
Dieses Buch, dessen Hauptverdienst in der souveränen, sachlichen und anschaulich lesbaren Zusammenfassung lange bekannter aber z.T verstreuter Hinweise liegt, ist ein Muß für jeden, der Fragen nach seiner religiösen Herkunft stellen will, denn:
"Man mag sich wünschen (..), daß ein besseres Verständnis der gemeinsamen Wurzeln Vorurteile, Bigotterie, Intoleranz und Fanatismus, die jeglichem Fundamentalismus a priori eigen sind, in die Schranken zu weisen vermöchte."

Buechernachlese © Ulrich Karger


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