|
buechernachlese.de
|
„Wildes Haus“ nennt Sheila English das Haus des von ihr verstoßenen Sohnes Cillian, weil dieser mit seiner weit älteren Freundin darin große Partys mit viel Alkohol und Drogen zu feiern pflegt. Doch nach Eröffnung des Salmon Festivals als wichtigstem Ereignis in Ballina im Westen Irlands ist es Cillians jüngerer Bruder Doll, der nach einem Streit mit seiner Freundin Nicky spurlos verschwindet. Nicht nur Nicky muss nun, um Doll zu retten, eine wichtige Entscheidung treffen ...
In einer sehr eingängigen Übersetzung ist mit "Wilde Häuser" ein Roman von Colin Barrett erschienen, der ein Beziehungsgeflecht eigenwilliger Noch-Jugendlicher vorstellt, die sich allerdings meist eher durch einen begrenzten Horizont auszeichnen. Gefangen im kleinen Balina, ist die Ausgangslage des Plots denn auch alles andere als hoffnungsfroh – Doll ist nicht einfach verschwunden, sondern wurde entführt, weil sein so cleverer wie rücksichtsloser Bruder Cillian schon seit Längerem an Sketch und Gabe Ferdia die Zahlung der an ihn zum Verkauf ausgelieferten Drogen schuldig geblieben ist. Und das, obwohl allgemein bekannt ist, dass die beiden Ferdias einen ins Soziopathische neigenden Hang zu roher Gewalt haben. Festgehalten wird Doll bei Dev, einem Cousin der Ferdias. Dev ist ein sanftmütig wirkender Riese, der nach dem Tod seiner Mutter ein Leben in ländlich abgelegener Abgeschiedenheit führt und eigentlich dringend psychologischer Unterstützung bedürfte. Dem Willen seiner Cousins kann er wegen seiner langen Phasen der Antriebslosigkeit nur wenig entgegensetzen, aber immerhin Dolls Aufenthalt etwas erleichtern - und ist einem nicht nur deshalb von allen Handlungsträger:innen am sympathischsten. Das Finale bietet dann dank Dev und Nicky innerhalb dieses trostlosen Rahmens sogar einige Überraschungen wie die, das am Ende keine Toten zu beklagen sind.
Darüber hinaus vermag der Autor durch die detaillierte Ausgestaltung seiner Charaktere und ihrem lakonischen Wortwitz in den Dialogen eine Sogkraft zu entwickeln, die einen immer wieder berührt und bis zur letzten Seite dranbleiben lässt. Vermutlich auch ein Grund, weshalb die Jury des Booker-Preises 2024 den Roman für die Nominierung auf die Longlist als „so beißend, witzig und bittersüß wie das Leben“ einschätzt – aber letztlich nicht prämiert.
Als Milieustudie der westirischen Provinz ist der Bezugsrahmen viel zu eng gesetzt und würde ihr als reiner Abklatsch des Skurrilen gewiss noch nicht einmal als Karikatur gerecht.
Aber als Skizze einer trinkfreudigen Kleinstadtblase, die auch die eigene Familie mit schlitzohriger Kriminalität zu überziehen vermag, beweist der Roman unbestreitbar eine literarische Qualität, die bei aller Tristesse auch den Sinn für schwarzen Humor zu kitzeln vermag.