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Mit „Eine Reise durch die Weltliteratur der Geister, Dämonen und Spukgestalten“ ist das äußerst sachkundige Werk „Die Bibliothek der verlorenen Seelen“ untertitelt. Denn auch wenn die Existenz von Geistern, Dämonen und Spukgestalten auch nach der Lektüre dieses Werks durchaus noch angezweifelt werden darf, vermag sein Autor Alexander Pechmann mit literaturwissenschaftlichen, keineswegs trocken dargebrachten Mitteln ein eng verknüpftes und beziehungsreiches Netz nachzuweisen, dass von den mythischen Vorstellungen einer Unterwelt samt präzise deutbaren Geistererscheinungen im Haushalt der Sumerer bis zu William Gibsons „Necromancer“ von 1984 reicht.
Während das erste mit „Regentropfen“ und das letzte bzw. siebte mit „Regenwolken“ überschriebene Kapitel jeweils einem persönlich gehaltenen Vor- bzw. Nachwort entsprechen, setzen sich die fünf Kapitel dazwischen einigermaßen chronologisch mit dem Thema auseinander. So erörtert „Die Quelle der Dämonen“ als zweites Kapitel zuerst den Umgang mit Geistern bei den Sumerern, dann Gebote gegen Geisterbeschwörungen in der jüdischen Thora bzw. dem christlichen Alten Testament, es folgen Hinweise auf Geisterbegegnungen in antiken griechischen Sagen wie in der Homerschen Odyssee, dann „unreine Geister“ im Neuen Testament der Christen und schließlich wissen der Islam wie auch die Geschichten aus Tausendundeine Nacht u.a. von den Dschinns zu berichten. In den letzten beiden Unterabschnitten dieses Kapitels wird dann bereits summarisch auf Ähnlichkeiten bzw. Wiedergänger jener Urquellen hingewiesen, wonach z.B. noch im 16. Jahrhundert Engel angerufen und um magische Erkenntnisse gebeten werden oder eine Magd samt Wahrsagegeist aus der Apostelgeschichte eine Entsprechung im nordafrikanischen Fes des 19. Jahrhunderts findet. Mit dem dritten Kapitel „Der Fluss der Geister“ werden dann Wunderbücher und Kuriositätensammlungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert als wichtige Quellen für Autorinnen und Autoren aus dem 18. Jahrhundert wie Daniel Defoe vorgestellt.
Nicht von ungefähr stehen dann in den folgenden Kapiteln vier bis sechs („Die Flut der Phantome“, „Das Meer der Seelen“ und „Der Nebel der Nachtgestalten“) Autorinnen und Autoren aus dem 18. und 19. Jahrhundert wie E. T. A. Hoffmann, Catherine Crowe, Charles Dickens, Edgar Allen Poe, Guy de Maupassant bis hin zu Howard Phillips Lovecraft im Zentrum der Betrachtung, bestand doch in jenen Jahrhunderten die größte Nachfrage an Schauergeschichten, der sich eine meist nur allzu leicht überrumpelbare Skepsis entgegenstellte. Und das auch noch am Ende des 19. Jahrhunderts, wiewohl da bereits erste Glühbirnen dunkelste Ecken auszuleuchten vermochten - denn in Kombination mit einer Laterna magica waren Geister dann ja sogar „in echt“ zu veranschaulichen ...
Zu einem der zahlreichen bemerkenswerten Details in diesem Buch zählt wohl auch, dass viele der genannten weltberühmten Autoren sich nicht zuletzt auf heute kaum noch bekannte deutschsprachige Erzähler von Spukgeschichten stützten und sie, ähnlich wie Komponisten Musikstücke jener Zeit, dann variierten oder/und ausbauten - und dafür zuvor auch noch die deutsche Sprache erlernten.
Doch am bemerkenswertesten ist, in welch flüssig unterhaltsamer Sprachregelung Alexander Pechmann seine fundierte Sachkenntnis über Ursprünge und Entwicklungen von Spukgeschichten vorzutragen weiß und sie am Ende mit einem bibliografischen Anhang belegt. Und um der Frage nachzugehen, worauf dieses große Interesse an Geisterwesen überhaupt gründet, bringt er natürlich auch souverän das nötige Quäntchen Selbstironie ein. Die Leserschaft seiner zuvor im gleichen Verlag erschienenen, durchweg lesenswerten Schauerromane kann nun jedenfalls risikolos schlussfolgern, dass hieran nicht nur die eigene Phantasie des Autors sondern auch die umfangreiche Kenntnis und Lektüre seiner Vorgänger:innen mitgewirkt haben.
Nicht unerwähnt bleiben soll auch Paloma Tarrio Alves, die für den Umschlag und die Kapitelanfänge ästhetisch ansprechende, spukhafte Illustrationen gestaltet hat.
Ein absolut empfehlenswertes Sachbuch, das den Eintrag in die Büchernachlese-Bestenliste mehr als verdient und ihr Ehre macht ...
Weitere Besprechungen zu Werken von Alexander Pechmann siehe:
Alexander Pechmann: Die Nebelkrähe (2019)
Alexander Pechmann: Die zehnte Muse (2020)
Alexander Pechmann (Hrsg. + Üb.), William Godwin: Die Abenteuer des Caleb Williams (2023)
Alexander Pechmann: Die Insel des kleinen Gottes (2024)
Alexander Pechmann: Die Bibliothek der verlorenen Seelen (2026)