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Büchernachlese-Extra: Jesus Christus (Romane, Sachbücher)

Wilton Barnhardt

Der dreizehnte Apostel

Roman. Droemer Knaur Verlag, München 1994, 1024 S., ISBN: 3-426-19347-7, >>> Amazon

Unter den "Was wäre wenn..."- Fragen ist die nach einem authentischen schriftlichen Zeugnis über das Leben Jesu und seiner Jünger wohl eine der spannendsten, d.h. die mit den größten Widersprüchen aufgeladene. So ein Evangelium aus dem 1.Jahrhundert unserer Zeitrechnung würde die unterschiedlichsten Interessen berühren.
Das derzeit gelungenste Werk zu dieser Frage dürfte "DER DREIZEHNTE APOSTEL" von Wilton Barnhardt sein. Seine Protagonisten: Patrick O'Hanrahan, ein irischer Gelehrter der Theologie, früher Jesuit, dann erfolgloser Ehemann und Vater, zuletzt ein zynischer Quartalssäufer; Lucy Dantan, die sich von der provinziellen Doktorandin zur reaktionsschnellen Assistentin O'Hanrahans mausert; Rabbi Mordechai Hersch, der seinen Freund Patrick auf die Spur dieses Evangeliums setzt, aber dennoch den Christen gegenüber nicht vorurteilsfrei sein kann. Aber nicht nur sie, scheinbar alle sind sie plötzlich hinter diesem Stück Papyrus her, die wenigsten jedoch, um die Forderung nach der Liebe des Nächsten zu untermauern. Die tour de force hetzt u.a. die bis dahin kaum gereiste Lucy in 7 Kapiteln durch Großbritannien, Irland, Italien, Griechenland, Israel, Afrika und zuletzt das "Gelobte Land" Philadelphia in den USA. Der erst 33-jährige Autor beweist hierbei ein Detailkenntnis örtlicher Gegebenheiten die fast genauso verblüfft, wie seine Ausgrabungen in der Kirchengeschichte und den Religionswissenschaften. O'Hanrahan findet weiß Gott genügend Gelegenheiten auf absurde Rituale und widersprüchliches Gebahren seitens der sich im rechten Glauben wähnenden hinzuweisen. Jedes Kapitel schließt mit einem Abschnitt des eigentlich erst am Ende übersetzten Evangeliums und selbst Gott (oder ist es die heilige Geist Sophia?) kommt in Klammern zu Wort.
"Die alten Frauen in Schwarz, die unter Tränen auf den Stufen knieten und inständig beteten - vielleicht das einzig Ewige an der Religion, die alten Frauen in Schwarz. Rechts neben der Tür entdeckte sie einen Kiosk mit Andenken.
(Das zweite Ewige der Religion, Lucy.)"
Barnhardts Pointenköcher enthält reichlich Nadelstiche bishin zum derb heftigen Slapstick. Selbst die Fußnoten zum "Evangelium" sind davon nicht ausgenommen. Aber bei all seiner Raffinesse im Aufbau dieses Romanes und den überzeugenden Indizien dafür, daß der Mensch zu einem die Menschen und Gott einschließenden gelebten Glauben offenbar gar nicht fähig sein kann, bleibt der Autor nicht in der wohlfeilen Kirchenkritik stecken, sondern läßt Patrick zum Ende hin auch Worte wie diese finden: "Vielleicht heißt es das, zu den Auserwählten Gottes zu gehören: daß man im Chaos der Welt einen moralischen Kern erkennen kann; daß einem solche Dinge nicht egal sind; daß man trotz aller Weiterentwicklung immer noch Gut und Böse unterscheiden kann und weiß, daß es eine Wahl gibt..."
1024 Seiten ohne eine einzige Länge fesselt dieser Roman bis zum Schluß, wenn man ihn bedauernd zuklappt. Ein Roman, der, wie seinerzeit Umberto Ecos IM NAMEN DER ROSE, das Zeug zum "Kultbuch" hat.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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