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Gernot Böhme

Der Typ Sokrates

suhrkamp tb wissenschaft, Frankfurt a. M. 1992, 222 S., ISBN: 3-518-28616-1, >>> Amazon

"...jede Zeit schneidert sich ihren Sokrates zurecht, streckt hier und kürzt da, und so haben wir denn ein Spektrum, das vom Propheten und heiligen Sokrates bis zum Psychopathen und Syphilitiker reicht."
Gernot Böhme begegnet diesem Interpretations-Wirrwarr mit dem Ansatz einer historischen Anthropologie. Danach können Grundformen menschlichen Daseins historisch neu auftreten und eine Reorganisation des anthropologischen Zustandes beiwirken. Um Sokrates gerecht zu werden, muß man also davon ausgehen, daß der historische Sokrates den "Typ Sokrates" geschaffen hat.
Was wir von Sokrates wissen, haben wir nicht unmittelbar durch ihn selbst erfahren. Sokrates selbst hinterließ keine einzige schriftliche Zeile, und nach heutiger Definition wäre er demnach nicht als Philosoph zu bezeichnen.
"So setzt beispielsweise Karl Jaspers Sokrates zusammen mit Jesus und Buddha als die maßgebenden Menschen gegen die großen Philosophen im eigentlichen Sinne ab."
Demgegenüber wissen wir aber von vier philosophischen Schulen - der akademischen, der kyrenäischen (Hedoniker), der megarischen(Dialektiker) und der kynischen - die sich, so unterschiedlich sie in ihrer Ausprägung auch sind, allesamt auf Sokrates begründen. Es sind deren geistige Väter Platon, Aristipp, Euklides und Antisthenes, die als seine Schüler das Wirken und die Existenz Sokrates in ihren Werken bezeugen.
Nach Böhme war Sokrates der Prototyp eines Philosophen, dessen Philosophie insbesondere in seiner Methodik zu würdigen ist, ausschließlich im direkten Gespräch wirksam zu werden. Auch Platon "hielt daran fest, daß Sichunterreden der Vollzug der Philosopie sei, und wollte, daß Philosophie als Text wenigstens solche Unterredungen zur Darstellung brächte."
Sokrates ging es um die "Tugend des Gutseins", d.h. um das Ausschöpfen der Möglichkeiten, von denen man wußte. Böhme belegt nun sehr gut nachvollziehbar, was zum Verständnis eines solchen Begriffes wie "Tugend des Gutseins" gehört. Z.B. wenn er schreibt: "Trotzdem ist es heute nötig darauf zu achten, daß die These, Gutsein sei Wissen, eine Steigerung männlicher Selbststilisierung entspringt, die letzten Endes auf eine Kriegerkultur zurückgeht."
Auch jenes berühmtes Wissen nichts zu wissen, wird erst in der Vielschichtigkeit der Person bzw. des Typen Sokrates begreiflich, wie sie Böhme uns nahebringt. Hierzu eine Auswahl von Kapitelüberschriften: SELBSTSORGE, SOKRATES ALS EROTIKER, SOKRATES UND DER TYRANN, ÜBER IRONIE, SOKRATES UND DAS IRRATIONALE, SOKRATES UND DER TOD.
Für PhilosophInnen und AnthropologInnen, wird dieses Buch sicher zur Pflichtlektüre, aber auch der Normalsterbliche könnte dieses Buch mit großem Gewinn lesen, da der Autor nicht nur einen plausiblen Ansatz gefunden hat, Sokrates näherzukommen, sondern auch mit einer erfrischend "plausibelmachenden" Sprache zu argumentieren versteht. Es lohnt sich einmal mehr auf den "maßgebenden Menschen" Sokrates neugierig zu sein.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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