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T.C. Boyle

Drop City

Roman. Aus dem Amerikanischen von Werner Richter. Hanser Verlag, München 2003. 527 Seiten. 24,90 Euro. ISBN: 3-446-20348-6, >>> Amazon

Nordkalifornien 1970. Norm Sender hat von den Eltern ein Farmgrundstück geerbt und darauf "Drop City" gegründet. Es gilt LADJEAH - Land, Auf Das Jeder Ein Recht Hat. Jede und jeder darf kommen und sich irgendwo einrichten, und sei es in einem Baumhaus. Dafür werden Geld und Sozialmarken in die Gemeinschaftskasse gegeben und man beteiligt sich an wenigen notwendigen Arbeiten wie Essenkochen. Leben und Leben lassen, Peace, den ganzen Tag auf Droge, eingebunden in aberwitzige Rituale, freie Liebe - klar, dass so eine Hippiekomune den Behörden ein Dorn im Auge ist. Und dann kommt der Tag, als Norm einen alten Schulbus besorgt und 'Drop City' einfach nach Alaska auslagert. Freiheit pur bei minus 40 Grad.
T.C. Boyle weiß, wovon er erzählt. In all seinen Romanen ist die Sympathie für Aussteiger, die im Einklang mit der Natur leben wollen, nur allzu deutlich. Sex 'n Drugs 'n Rock 'n Roll gehören dazu wie die Ordnungsbehörden als deren natürliche Gegner.
Was die früheren, oft in der nahen Zukunft spielenden Romane dieses Autors, Jahrgang '48, aber im Gegensatz zu den Produkten mancherlei jundundjünger gehypten Schreiberlingen noch in Jahrzehnten lesenswert macht, ist neben dem Sinn für visionär in Schwarz getauchte Komik sein bei aller Parteilichkeit konsequentes Ausfiltern verklärenden Gesülzes. So nun auch im Rückblick auf die jüngere Vergangenheit.
Auch wer hierzulande Woodstock nur im Kino gefeiert hat, bekommt einen Schlag auf den Hinterkopf. Gewisse Dynamiken - Kleider- und Drogenmoden sowieso - waren, wenn auch mit einiger Verzögerung, international, um nicht zu sagen, global verbreitet. (Vielleicht der erste Akt der Globalisierung überhaupt?)
Boyle stellt in 'Drop City' den Hippies die auf Autarkie bedachten Aussteiger Alaskas gegenüber, deren einzige Droge der Alkohol ist und die auch in ihren anderen Gepflogenheiten eher stockkonservativ scheinen. Der Gegensatz wie in der Fabel Aesops von "Grille und Ameise" würde hier aber zu kurz greifen, denn bald stellt sich heraus, dass lediglich eines unterscheidet: Die für diese Umwelt überlebensnotwenigen Sekundärtugenden Disziplin und Verlässlichkeit. An ihnen entlarven sich die 'cool' pubertäre Egoshow wie die 'kauzig' selbstsüchtige Eigenbrötelei als nur zwei Spielarten einer unerträglichen Haltung. Und Boyle weiß, dass der Querschnitt innerhalb aller Arten von Menschenansammlungen stets gleich ist. Das Gros der Mitläufer sowie die zwei Minderheiten aus tatkräftigen Unternehmern und ausnahmslos sich selbst verpflichteten Schmarotzern. Während jedoch die "Autarkisten" zumeist jenseits der dreißig sind, zerreißt einem die Jugend der Hippies fast das Herz: Ist es wirklich eine Zeit, auf die man sehnsüchtig zurückblicken kann?
Gewiss, da ist die gemeinschaftsstiftende Musik und diese später nur allzu schnell nachlassende Energie und Unbedingtheit - aber wer darüber hinaus gelangt ist, den kann es nur schaudern, mit wie viel selbstgerechter Idiotie man sich damals über Spießer mokierte, ohne in den Spiegel vor und die Abgründe hinter sich zu schauen. Glücklich, wer diese Zeit durchgestanden und überlebt hat!
Und: Sind die heutigen auf Markennamen fixierten Ungeheuer wirklich so sehr anders als unsereins seinerzeit?
Vermutlich bringt jede Jugendgeneration auch Bemerkenswertes hervor. Von den Hippies war dies der Versuch des Laissez-faire, der Abscheu vor kriegsgeilem Patriotismus und nicht zuletzt die Musik zu erben. Mal sehen, was die jetzige Generation an Spuren hinterlässt ...
Der Roman "Drop City" ist jedenfalls ein authentisches Zeitzeugnis, das unter die Haut geht, das Herz und Lachmuskeln gleichermaßen anspricht, verfasst von einem der wenigen, der dieses Milieu aus eigener Erfahrung in formvollendete Literatur zu gießen vermag.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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