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Büchernachlese-Extra: Harald Budde

Harald Budde

Überblendung des unbestechlichen Auges

Erzählungen. Weidler Verlag, Berlin 1988, 75 S., ISBN: 3-925191-77-1, >>> Amazon

Die ÜBERBLENDUNG DES UNBESTECHLICHEN AUGES ist leider das Beispiel für den Ausverkauf eines Autoren, der wie nur wenige in der Lage ist, sinnlich-pralle und zugleich geistreich-witzige Geschichten zu erzählen. Der Verleger, der ja ein Koordinator, ein Betreuer des gesammten Buches sein sollte, hat nichts ausgelassen, um das Buch bald wieder Makulatur werden zu lassen.
Der sperrige, eher auf ein Optiker-Handbuch verweisende Titel wird erst mit ERZÄHLUNGEN unterschrieben, wenn es schon zu spät ist - auf Seite drei.
Die erste Geschichte ist die Vita von Harald Budde, eine ganze Seite lang und im selben Druck wie die anderen, schimmert schon dahinter die erste Illustration Camattas durch. Der Verleger Weidler ist auch Galerist und sollte eigentlich wissen, daß man zuweilen mit Leerräumen bzw.-blättern gestalten muß. Gerade aber den expressiv schwarzflächigen Tuschen von Leonhard Camatta wurde mit dem kleinhäuslerisch doppelseitigen Bedrucken eines jeden Blattes Gewaltangetan.
2800 Satzzeichen pro Seite muß man mühsam entziffern (ab S.52 wird's dafür wegen schlechter Druckqualität auch noch lichter), um dann zu dem Schluß zu kommen, daß es sich für gut ein Drittel der Texte nicht gelohnt hat. Stünde die Titelgeschichte wenigstens am Anfang und wäre nicht willkürlich als Viertletzte gesetzt, könnte man die (mindestens) 3 Stilrichtungen ja noch als sich überlappende Wesenheiten des Harald Budde anerkennen. So aber ist nur ein unakzentuierter, wild verteilter Mischmasch unter die Presse geraten. Bezeichnenderweise sparte der Verlag auch an einem wegweisenden Index ...
Nach der Vita erschlägt CHILE in teutsch-poetischer Trampelei gutgemeinte Solidarität, wie auch die fünf Rückblenden zu den Kindheitserinnerungen der 40iger Jahre schwerfällig bemüht oder einfach nicht überarbeitet und hingerotzt wirken. U.a. Titel wie GEWISSENSFRAGEN und SELBSTBETRUG erreichen in diesem Zusammenhang mit ihren 100-fach vorgestempelten Schlußfolgerungen bestenfalls noch Schulaufsatzniveau.
Aber die restlichen zwei Drittel brauchen sich dafür vor ihren vorzüglichen Illustrationen nicht zu verstecken, die könnten den Grundstock für mindestens 2 eigenständige Bände bilden. Z.B. in DAS BILD DES PRÄSIDENTEN schaut H.B. mittenrein und läßt die Dialoge zweier Lagerinsassen zu einer Gänsehautpointe zuspitzen, in der sich alle Diktaturen dieser Welt wiederfinden können. Ähnliches gelingt ihm zum Thema VERGEWALTIGUNG.
Bleiben 6 Erzählungen übrig, in denen H.B. in Höchstform sein erstes (und bestes) Buch DER MODERNE TREND fortsetzt. Liebevoll hingefetzte Karikaturen Kreuzberger Originale, die slapstickartig surrealistische Ebenen erklimmen oder/und glasklare Zustandsbeschreibungen, in denen sich jeder finden kann, der danach sucht.
Dennoch ist das Ganze für DM 19.80 leider nur bedingt empfehlenswert.

Weitere Besprechungen zu Werken von Harald Budde siehe:
Büchernachlese-Extra: Harald Budde

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