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Stefano Cirillo / Paola di Blasio

Familiengewalt

Ein systemischer Ansatz. Klett-Cotta, Stuttgart 1992, 170 S., ISBN: 3-608-95751-0, >>> Amazon

Kommen Kindesmißhandlungen zur Sprache, wenden sich viele entsetzt ab: Es ist zu schrecklich! und: Bei mir könnte so etwas nie vorkommen! und: Für diese Täter sollte vielleicht doch wieder die Todesstrafe eingeführt werden.
Unbestritten, daß dieses Phänomen "schrecklich" ist, aber in Kenntnis der nach Hunderttausenden zählenden Dunkelziffer ist die Wahrscheinlichkeit doch sehr hoch, daß Kindesmißhandlungen auch in der eigenen Familie "vorkommen" können. Abgesehen davon, daß die Todesstrafe lediglich ein Unrecht durch einen fragwürdigen Racheakt fortsetzen würde, kann sie niemals zu einer Problemlösung der Opfer beitragen.
Wie aber kann nun den Opfern geholfen werden?
Stefano Cirillo und Paola di Blasio sind die Mitbegründer eines "Zentrum(s) für das mißhandelte Kind und die Behandlung von Familienkrisen" (ital. Kürzel: CBM), dem die Stadtgemeinde Mailand 1985 die Leitung einer Dienststelle übertrug. Das CBM wurde damit zur ersten öffentlichen Einrichtung Italiens, die sich explizit mit Mißhandlungsfällen befaßte. Sie war einerseits als Koordinierungsstelle für das Aufdecken von Kindesmißhandlungen in der Familie gedacht und andererseits als Experimentierfeld für den Einsatz von geeigneten Interventionstechniken. Bei der Vielzahl der "Fälle" liegt die Hauptaufgabe des CBMs vorrangig darin, anderen Fürsorgestellen ihre Ergebnisse mittels direkter Beratung oder auf Seminaren und Symposien zur Verfügung zu stellen, damit sie für deren Arbeit nutzbar gemacht werden können.
Ausgehend von einem familientherapeutischen Ansatz und den damit gemachten Erfahrungen, entwickelte das CBM nun einen systemischen Ansatz, den die Autoren bezeichnenderweise mit FAMILIENGEWALT überschrieben. Das Team des Zentrums ist zur Überzeugung gelangt, daß das Auftreten von Vernachlässigung, physischer Gewaltanwendung und sexuellem Mißbrauch ein pathologisches Phänomen ist, das die Familie in ihrer Gesamtfunktion erfaßt. Aufgrund dieser Erkenntnis ist es das Ziel des CBMs, nicht nur die Ursachen für den Mißbrauch zu verstehen, sondern auch die dysfunktionalen Verhaltensmuster zu verändern, die den Nährboden für die Gewalt darstellen, um so die Familie in die Lage zu versetzen, ihre Erziehungsaufgabe (wieder) angemessen wahrzunehmen.
"Um die Dichotomie Familie/Individuum zu überwinden und aus der Sackgasse herauszukommen, in die die Erklärungsversuche geraten sind, verwenden wir seit einigen Jahren ein Modell, das auf der Spielmetapher beruht.(..) Dieses Modell bietet die Möglichkeit, die individuelle Ebene mit der Ebene der soziokulturellen Faktoren zu verbinden, wobei die Beziehungsmuster des Familiensystems als Zwischenebene eingeschaltet werden.
Der Begriff des 'familiären Spiels' (..) wird zur Beschreibung der Beziehungen benutzt, die sich mit der Zeit zwischen den Familienmitgliedern entwickelt haben."
Es ist also eine multidimensionale Sichtweise nötig, um ein theoretisches Konzept zu erarbeiten, damit die Interventionspraxis einer solchen Einrichtung sinnvoll bestimmt wird.
Die größte Herausforderung besteht jedoch in einem Umstand, der die Mehrzahl der Fälle auszeichnet: Sie werden u.a. per Gerichtsbeschluß verordnet. Normalerweise geht jedes Therapieangebot von der Freiwilligkeit aus. Die Arbeit des CBM erbrachte nun (unter Offenlegung der diversen Fehlschläge), daß die Zwangssitutation auch Dynamiken in sich birgt, die zu aller Vorteil genutzt werden können.
Der schroffe Gegensatz, den die "Zwangstherapie" in unserer psychologischen Kultur als Widerspruch in sich bildet, kann überwunden werden, wenn man als erstes die These in Frage stellt, "daß das Fehlen freiwilliger Inanspruchnahme von Hilfe immer bedeutet, es sei kein Änderungswille vorhanden."
Im ersten Kapitel wird dazu ausführlich Stellung genommen. Es wird erläutert, warum die mißhandelnden Familien keine Hilfe anfordern, es werden sozio-familiäre Faktoren benannt, die dem Anfordern von Hilfe im Wege stehen sowie die "Fallstricke" des freiwilligen Kontextes bezeichnet, wenn es in Ausnahmefällen zu freiwilligem Hilfeersuchen kommt. Gerade den ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen, LehrerInnen soll dabei immer wieder deutlich gemacht werden, daß die erste Hilfe für ein mißhandeltes Kind, die Anzeige der Mißhandlung sein muß. Das den Gerichten nicht in die Hände spielen wollen, oder meinen, mit einigen Gesprächen intervenieren zu können, erwies sich erfahrungsgemäß stets zum Nachteil für die Opfer.
In Kapitel II geht es um die über den Erfolg entscheidende EINLEITUNG DES DIAGNOSTISCHEN PROZESSES, denn "in den von uns betrachteten Fällen stellt die psychologische Intervention und Begleitung einen Weg dar, der jedoch erst begangen werden kann, wenn die rechtlichen Mechanismen in Gang gesetzt sind."
Dazu gehört auch die baldige Festlegung der Aufgaben und Koordination zwischen den zuständigen Dienststellen, um kontraproduktive Konkurrenzen von vorneherein auszuschließen.
Es folgt DIE DIAGNOSE DER MIßHANDELNDEN FAMILIE. In diesem profunden Kapitel werden die Rahmenbedingungen und die in diesem Zusammenhang notwendige Definition von Diagnose dargelegt. Es folgen Beschreibungen Typischer Spiele in mißhandelnden Familien sowie schlußendlich eine ausführliche Darlegung von THERAPIE IM ZWANGSKONTEXT.
Dieses Buch geht von Erfahrungen aus und stellt in jedem Kapitel eine Reihe anschaulicher Fallbeispiele vor - und es spricht selbst in den quellengenauen theoretischen Erörterungen eine verständliche (offenbar auch von Barbara Huter sehr gut übersetzte) Sprache. Nicht nur deshalb sollte es zur Grundausstattung aller in sozialen Berufen tätigen sowie aller Amtsträger der Gerichtsbarkeit gehören. Noch engagierte Politiker sollten ebenfalls mehr als einen Blick hineinwerfen, denn sie erhalten Argumentationshilfen, wenn mal wieder einerseits über die zunehmende Gewalt geklagt, dann aber doch nur die Polizeikräfte verstärkt und ansonsten zuallerst in den sozial-medizinischen Bereichen gespart werden soll ...

Buechernachlese © Ulrich Karger


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