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Büchernachlese-Extra: Hugo Claus

Hugo Claus

Das Sakrament

Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 1989, 144 S., ISBN: 3-608-95633-6, >>> Amazon

DAS SAKRAMENT - das Heiligtum oder genauer: Die Heiligtümelei um die Familie nahm der gebürtige Belgier  Hugo  Claus  schon 1963 aufs Korn.
Mittelpunkt des alljährlichen Familientreffens sind die tote Mama und Deedee, der eigentlich gar nicht zur Familie gehört, aber Deedee war der Priester, der Mama zur letzten Ruhe geleitete, und bei Deedee ist die von 109 auf 102 Kilo abgespeckte Natalie als Haushälterin untergekommen, und Natalie liebt den sich selbst geißelnden Deedee abgöttisch. Die anderen halten Deedee für blasiert und besserwisserisch und auf keinen Fall zur Familie gehörend. Da kann er noch so zwanglos in Hawaiihemd und grünwollener Badehose zweideutige Scharadespiele vorschlagen.
Einer beginnt mit dem Subjekt, knickt das Papier, gibt das Papier weiter, der nächste ergänzt das Verb, knickt das Papier... So ähnlich setzt sich die Sicht der tragikomischen Ereignisse beginnend bei Natalie, über die eifersüchtig bewachte Jeanne, über Antoine, Albert, Lotte bis hin zum unehelichen Sohn und Neffen Claude fort, um zuletzt wieder die Erzählperspektive von Natalie einzunehmen, die von Deedee nach dem Selbstmord Claudes nur noch ein gemeines Schimpfwort erntet.
Eine Pflichtübung hat sich selbst entlarvt -"natürlich" nur mit Hilfe übermäßigen Alkoholgenußes- und kann durch nichts Neues ersetzt werden. Das Ende bleibt offen...
Im DECAMERONE gibt es zumeist eine betrügende und eine betrogene Seite und außerdem den lachenden Dritten. DAS SAKRAMENT wird auch grob und derb erzählt, aber der Sexus bleibt in den Phantasien genauso stecken wie einem das Lachen im Hals. Ob die geschilderten Situationen und Dialoge tatsächlich so überzogen sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen, kann jede/r bei sich selbst nachprüfen. Dieser Roman ist angesichts der Restauration überkommener "Wertevorstellungen" innerhalb gewisser Wählerschichten brandaktuell und erzählt eindringlich, aber ohne erhobenen Zeigefinger eine Wie-das-Leben-so-spielt-Geschichte. Ein Meisterwerk des Balanceakts zwischen Wunsch und Wirklichkeit, der Idylle und dem reinen Wahnsinn.

Weitere Besprechungen zu Werken von Hugo Claus siehe:
Büchernachlese-Extra: Hugo Claus (1929 - 2008)

Buechernachlese © Ulrich Karger


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