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Alfred Cordes

Schatten Leben

Roman. C. Bertelsmann, München 1991, 223 S., ISBN: 3-570-06698-3, >>> Amazon

Der Roman SCHATTEN LEBEN von Alfred Cordes erzählt von einem Menschen, der vor keiner Verrückung scheut, der keinen anderen in seinem Anderssein ablehnt, der feinste Nuancen als solche erkennt und trotzdem oder deswegen eine eigenartige Distanz zu den Dingen, zum Leben entwikkelt hat.
Croll besucht Altenschwend, der in die psychiatrische Abteilung des Landeskrankenhauses eingewiesen worden ist. Als er seinen engsten Freund nicht mehr "berühren" kann, geht er seinen Weg. Der führt ihn zuerst zu einem Einödbauernhof, wo er sich nur gegen Kost und Logis als Knecht anstellen läßt. Hier wird die Kargheit des Lebens von keiner Idylle verstellt, sondern es wächst beim Leser das Grauen vor einer Sprachlosigkeit, die die Folge harter Schicksalschläge auf engstem kommunikativen Raum ist. Was scheinbar in einer Elegie zu versteinern droht, meint aber nur einen Ausgangspunkt, von dem aus Croll später noch über die märchenhaften Bezüge zu einer verwöhnten Bürgermeisterstochter, dem hautnahen Miterleben einer Lügengemeinschaft, die Unbedarftere als Penner oder Clochards kennzeichnen würden, seinen Höhepunkt bei der illustren Gesellschaft eines Professors der bildendenden Künste findet. Der verkannte, schweigsame Croll wird zum verkannten, beredten Wortkünstler, der immer öfter die Laudatios auf andere Kunstschaffende halten soll und zu vorletzt die Betreuung einer Erbschaft an die Stadt übernimmt: Ein Haus voller Bücher, deren Nutzanwendung Croll bestimmen darf.
Zuletzt wird Croll eingewiesen, die verschiedenen Personen, vereinigen sich zu wenigen, Croll ist Altenschwend und auch Heraklit, der Schöne, der sich nur mühsam bewegen und kaum reden kann.
Die Vorwegnahme des Ausgangs ist bei diesem Buch nicht möglich, denn wohin diese genußreiche Sprachreise vom Innen ins Außen und umgekehrt bei den einzelnen LeserInnen führt, muß und kann sich jeder und jede selbst erlesen. Es könnte z.B. ein Buch über das Procedere des Schreibens an sich sein, das mit dem Besten wirbt, was Schreiben sein sollte, nämlich ausdrucksstark und mit integerer Klarheit das reichhaltig Wahrgenommene zu vermitteln. Das Tempo der Muße wird bei Cordes zu einem fesselnden Ereignis, das einem die Angst vor dem Verrücktwerden nehmen kann.
Hermann Hesses Steppenwolf hat endlich einen würdigen Nachfahren gefunden.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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