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Giuseppe Flores d'Arcais

Die Erziehung der Person

Grundlegung einer personalistischen Erziehungstheorie. Klett-Cotta, Stuttgart 1991, 145 S., ISBN: 3-608-95685-9, >>> Amazon

Der italienische Pädagoge Guiseppe Flores d'Arcais wird im Klett-Cotta Verlag mit seinem Alterswerk vorgestellt, das gleichsam ein Summarium seines schon sehr früh entwickelten "pädagogischen Personalismus" beinhaltet.
Mit DIE ERZIEHUNG DER PERSON legt d'Arcais den Grundstein bzw. die Grundsteine für eine personalistische Erziehungstheorie und liefert damit einen weiteren Anstoß für die Diskussion, inwieweit der Disziplin Pädagogik tatsächlich im strengen Sinne Wissenschaftscharakter zukommt oder nicht.
In vier Kapitel gegliedert setzt dieses Buch, im Gegensatz zu popularwissenschaftlichen Einführungen, eine gewisse Fachkenntnis voraus. Der Zugang wird aber durch die vorzügliche Übersetzung von Winfried Böhm und den präzisen Fußnoten, die nicht erst im Anhang erlesen werden müssen, erleichtert. Die Dominierung des pädagogisch-psychologischen Feldes durch den anglo-amerikanischen Sprachraum wird für den Interessierten allerdings ein Nachlesen so mancher venachlässigter italienischer Arbeiten bedeuten, auf die reichlich hingewiesen wird.
Im ersten Kapitel, überschrieben mit HISTORISCH-KRITISCHE VORAUSSETZUNGEN, referiert d'Arcais eben diese, wobei er neben der Bewegung um die in den dreißiger Jahren von Emmanuel Mounier gegründete Zeitschrift ESPRIT u.a. auf Hegel, Kierkegaad, Dostojewski, Jaspers und Satre verweist.
Die Slogans der 22 Überschriften innerhalb dieses Kapitels lauten PERSON UND PERSONALISMUS, DER PRIMAT DER PERSON, DIE EXISTENZ ALS ENTWURF, DIE INTENTIONALITÄT DER PERSON usw., um es schließlich mit DIE PERSON ALS PRIMUM abzuschließen.
"Und sie ist dieses Primum, weil sie Person und nicht nur Individuum ist."
Auf diese Grundlage, die sich durch eine große Kenntnis der verzweigtesten Ismen zu dieser Thematik ergeben, baut das zweite Kapitel auf: DIE VIERFACHE WURZEL.
Hierin entwickelt d'Arcais, ausgehend von dem Moment der Erfahrung, eine sich als plastisch erweisende Figur mit den Beziehungspunkten von INNERLICHKEIT, GESELLSCHAFTLICHKEIT, THEORIE und PRAXIS, in deren Schnitt- bzw. Mittelpunkt stets der Mensch steht.
"Es ist die 'Person', d.h. das Menschenwesen in seiner Einzigkeit und Einzigartigkeit, welches als ICH in Bezug zu einem DU tritt; sie bringt theoretisch und praktisch das ES, d.h. die Kultur und die Zivilisation hervor, indem sie sich selbst (..) kultiviert und zivilisiert."
Und diese Person, der Mensch als Ganzheit ist dem "Gesetz" der Möglichkeit und nicht der Notwendigkeit unterworfen. Der Mensch ist als "Gegenstand der pädagogischen Wissenschaft nicht eine RES (..), sondern eine dynamis, ein Werden, ein Sich-Verändern, ein Sich-Verbesserndes".
Die Person, die Subjekt und Objekt zugleich ist, entzieht sich den normalen Kriterien wissenschaftlicher Theorien, da die Erziehung in den Bereich der Praxis fällt, "dort aber führt jede Theoriebildung zur Formulierung eines 'praktischen Syllogismus', der - wie schon Aritoteles mit aller Klarheit aufgezeigt hat - aus seinen Prämissen keine notwendigen Schlußfolgerungen ziehen kann. Nur der Obersatz ist universal und notwendig, der Untersatz dagegen ist situationsgebunden".
Nach dieser 14 punktigen Radiographie, in der nach d'Arcais die Bedingungen der Erziehung wurzeln, folgt das dritte Kapitel: DAS BEGRÜNDENDE PRINZIP.
Hierin referiert er bzw. faßt die unterschiedlichen philosophischen Denkansätze zusammen. Das führt u.a. zu dem "Zwischenergebnis", nachdem es genauer wäre, "nicht von einer Philosophie oder Metaphysik der Person zu reden, sondern von einer Philosophie dieser Person, d.h. von einer Philosophie des konkreten existentiellen Ich HIC ET NUNC."
Und zuletzt über die innere Wertdimension der Person sagt d'Arcais: "Sie ist keine geschlossene Monade, sondern offen für anderes und für andere, sensibel für ein über sich Hinausgehen. Sie ist ein existentieller 'Wandervogel', und auf ihren Wanderungen sucht sie ihre eigene personale Identität, in die nicht nur ihr Sein, sondern auch ihr Wert eingelagert ist."
"Das gipfelt dann in seinem Schlußkapitel", so Winfried Böhm in seinem Vorwort, "in der Präsentation einer personalistischen Theorie der Erziehung, die die Person zugleich als Subjekt und als Ziel der Erziehung sehen lehrt und - obwohl das Buch einen durch und durch theoretisch-systematischen Gedankengang verfolgt - auch zu praktischen Konsequenzen fortschreitet."
Mitreißend ist hierin u.a. die Feststellung, daß das in vielen Gesellschaften beliebte von "außen Vorgegebene", sei dies nun ein moralischer Wert oder ein wissenschaftlicher Be-
fund, von d'Arcais in ergreifender Präzision entkräftet wird.
"'Wissen' besteht heute viel mehr darin, die richtigen Fragen oder Fragen richtig zu stellen." Denn Philosophieren in seiner ursprünglichen und etymologischen Bedeutung heißt: "ein Suchen nach Wissen".
"Innerhalb der hier genannten Koordinaten ist es berechtigt, von der Relativität wissenschaftlicher Erkenntnis und wissenschaftlichen Wissens zu sprechen; damit meint man, daß es sich niemals um eine endgültiges Wissen handeln kann, auch wenn es sich in geschlossener Form und als abschließbar präsentiert."
Und darum: "...unumgänglich Pluralismus des Handelns oder, wie man auch zu sagen pflegt, kultureller Pluralismus!"
Selbst heute wird diese Anschauung des Relativen weg vom Absoluten noch so manchem Bauchschmerzen bereiten, dabei macht d'Arcais deutlich, daß dieser Ansatz genau der verantwortliche Ansatz aller Wissenschaften für die Zukunft sein sollte.
Ein klärendes, ein plausibles, ein wichtiges Buch für die Rückgewinnung pädagogischer Reflexionen, die mehr als nur das beliebige unterstreichen wollen.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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