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Günther Deegener

Kindesmißbrauch - Erkennen, Helfen, Vorbeugen

Beltz Verlag, Weinheim 1998. 264 S., ISBN: 3-407-85736-5, >>> Amazon

Erst seit 15 Jahren wird sexueller Kindesmißbrauch von der allgemeinen Öffentlichkeit wahrgenommen und thematisiert. Er bildet seitdem den Plot für Filmdramen oder Thriller, die Justiz- und Regierungsbehörden im Nachbarland Belgien wurden anhand eines besonders üblen Falles als bestenfalls inkompetent vorgeführt, und in unserem Land wird der Ruf nach der Todesstrafe für Sexualmörder wieder laut...
Letzteres deutet bereits daraufhin, daß zwar das Tabu um dieses Thema angekratzt, die inhaltliche Auseinandersetzung damit aber immer noch von diffus aufgeladener Oberflächlichkeit gekennzeichnet ist.
Der Psychologe und Vorsitzende vom saarländischen Landesverband des Kinderschutzbundes Günther Deegener arbeitet und veröffentlicht bereits seit langem zum Thema "Gewalt und Familie". Sein neuestes Buch "Kindesmißbrauch - erkennen, helfen, vorbeugen" verfolgt ohne auszuufern den im Titel angedeuteten Dreischritt. Es empfiehlt sich dank seiner übersichtlichen Strukturierung und guten sprachlichen Verfassung einer breiten Leserschaft. Insbesondere ErzieherInnen und LehrerInnen finden hier ein Kompendium, das in aller Kürze und Prägnanz das Halbwissen um Wesentliches zu ergänzen vermag. (Wie aus einigen "aktuellen" Zitaten zu ersehen ist, wäre seine Lektüre aber auch noch so manchen Wissenschaftlern anzuraten.)
Zehn der 24 Kapitel beziehen sich auf das "Erkennen" von sexuellem Mißbrauch. Hier werden Definitionen und Formen erläutert, inhaltlich haarsträubende Zitate von Opfern im Kindes- und Jugendalter aufgeführt, Pseudodiskussionen über angeblich "harmlosen" Erwachsenen-Kind-Sex entlarvt, die verschiedenen, stets erschreckenden Statistiken zur Häufigkeit dargelegt und die Geschichte sexuellen Mißbrauchs unter anderem auch an der Stellung der Frau in der Gesellschaft skizziert.
Im Mittelpunkt steht das kindliche Opfer. So wird hier auch erklärt und um Verständnis geworben, warum viele von ihnen so lange schweigen. Ihre Ängste gehen weit über die eigene Bedrohung hinaus und sind insbesondere bei Mißbrauch durch Familienangehörige von hoher Komplexität. Um helfen zu können, ist Deegener aber auch die Vorstellung der unterschiedlichen Tätergruppen unverzichtbar, weil deren Täterschaft oft ihren Anfang im eigenen, vorangegangenen Opfersein nimmt.
Das 10. Kapitel weist ausführlich auf erste Anzeichen sowie mittel- und langfristige Folgen von sexuellen Mißbrauch hin. Dabei wird zugleich vor dem anderen Extrem gewarnt, allzuschnell einen Mißbrauch zu konstatieren und ungerechtfertigte Vorverurteilungen zu treffen. Sehr hilfreich sind im darauffolgenden Kapitel die Hinweise zur Gesprächsführung mit mißbrauchten Kindern. Diese Seiten sollten allen Mitarbeitern von Schulen und pädagogischen Einrichtungen zugänglich gemacht und auf entsprechenden Konferenzen diskutiert werden.
Es folgen ebenso verbreitungswürdige Abschnitte über die detailgenau geplanten Strategien von Mißbrauchern und was ihnen präventiv entgegenzusetzen ist, sowie jene über die oft vorschnell mitverurteilten Ehefrauen von mißbrauchenden Vätern und über die sich verbreitende Angst "normaler" Väter, mit ihren Kindern zu baden.
Ferner führt Deegener aus: Wenn sexuelle Mißbraucher lügen, ist dies zum Teil "sicherlich so, wie es auch am Beispiel eines Politikers veranschaulicht werden kann, über den in den Medien erste Verdachtsmomente auf einen von ihm verursachten Skandal veröffentlicht werden". Diesem nicht von Wiedererkennungseffekten freien Kapitel stellt er dann jenes gegenüber, worin er einen bestechenden Fragekatalog zur kritischen Selbstbetrachtung aufstellt.
So resignativ einen dann die von Staat und Gesellschaft noch längst nicht eingelösten Forderungen nach sinnvoller Prävention stimmen, entläßt der Autor die Leserschaft nicht, ohne sie eingehend auf eigene konkrete Maßnahmen und auf das Für und Wider vom Erstatten einer Anzeige hinzuweisen.
Am Ende sind entsprechende Gesetzestexte sowie umfangreiche Listen von Anlauf- und Beratungsstellen, weiterführende Literaturempfehlungen und Präventionsmaterialen nachzulesen.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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