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Büchernachlese-Bestenliste 2015

Astrid Dehe, Achim Engstler

Unter Schwalbenzinnen - Florenz, Frühling 1442

Roman. Steidl Verlag, Göttingen 2015. 305 Seiten. 24,00 Euro. ISBN: 978-3-95829-046-4, >>> Amazon

Matteo will eine eigene Werkstatt im eigenen Haus. Doch 1442 als Kopist in Florenz ist so ein Wunsch allein mit Fleiß kaum zu verwirklichen. Es reicht bei Patriziern oder kirchlichen Würdenträgern wegen neuer oder/und ketzerischer Ideen in Ungnade zu fallen, und jeder Traum endet im Kerker. Die Medicis gegen sich aufzubringen, bedeutet nicht selten gar den Tod. In einem Umfeld voller Misstrauen und Denunziationen wird Matteo Erbe eines alten Buches, das seit Generationen vom Vater auf den ältesten Sohn übergegangen ist. Verfasser und Titel dieses nur als Libro dei C bezeichneten Buches sind unbekannt, ebenso die Schriftzeichen und die ihr zugrunde liegende Sprache. Doch Matteos Vater hat ihm überliefert, dass die Schrift sich offenbaren wird, wenn die Zeit reif ist, um als letzte, entscheidende Waffe gegen das Böse eingesetzt zu werden
Das seit 2008 bestehende Autorenduo Astrid Dehe und Achim Engstler legt mit "Unter Schwalbenzinnen" einen faszinierenden Roman vor, der im Rahmen der abenteuerlichen Geschichte um Matteo die Entstehungsgeschichte des wohl geheimnisvollsten aller Bücher nachzuvollziehen sucht.
Das hier als Libro dei C eingeführte Manuskript gibt es wirklich und ist nach einem seiner Erwerber als Voynich-Manuskript weltbekannt. Es inspirierte u.a. Fantasy-Autoren und sehr wesentlich den Plot für den Film "Indiana Jones und der Stein der Weisen." (Siehe dazu auch den sehr ausführlich belegten Wikipedia-Artikel Voynich-Manuskript.)
Der Roman "Unter Schwalbenzinnen" basiert, zumindest was Zeit und Ort seiner Entstehung angeht, auf dem derzeit wahrscheinlichsten Kenntnisstand.
Die für Bürger im Florenz des Jahres 1442 nach wie vor übermächtige und unangreifbare Herrschaft durch die Kirche bot alles andere als einen offenen Umgang mit solch einer "Geheimschrift", hinter der zuallererst ketzerische oder ihre Macht hintertreibende Gedanken vermutet worden wären. Und letzteres wäre natürlich auch den Medicis ein Dorn im Auge gewesen. Auch die Festlegung des Autorenduos auf einen Kopisten als Haupthandlungsträger ist plausibel, da laut Wikipedia "der Schreiber in Sprache und Schrift des Manuskriptes geübt gewesen" sein muss - was auch lediglich auf einen besonders talentierten und geübten Kopisten sprich "Abschreiber" verweisen könnte, der sich ja nicht selten mit ihm fremden Sprachen und Schriften auseinanderzusetzen hatte.
Ein gelungener Kunstgriff der Autoren ist die Splittung der Herkunft von Schrift und der sie illustrierenden, nicht weniger rätselhaften Abbildungen. Während die Schrift ja als Erbteil von Matteo eingeführt wird, sind die Skizzen zu den Bildern demnach eine Auftragsarbeit Matteos, die er für Evelina, die Tochter des Patriziers di Adimari ausführt. Evelina redet seit ihrer Geburt so gut wie gar nicht, bis sie eines Tages ihre Traumbilder aufzuzeichnen wünscht. Was dem Vater als reine Caprice vorkommt, erweist sich als Vision einer Welt der Frauen, eine "schöne Welt, bewegt von Liebe", die sich poetisch, zuweilen auch bizarr u.a. durch Wurzelwesen und Königinnen, die nackt in Blütenkelchen baden, auszeichnet.
Dem gegenüber stehen die realen Nöte des jungen Matteo, der immer wieder aufpassen muss, sich nicht in dem geschriebenen und ungeschriebenen Regelwerk der Mächtigen zu verheddern, wenn er sein Überleben zu sichern und die ersten Begegnungen mit Frauen zu überstehen hat.
In geradezu süffiger Sprache gelingt es Dehe und Engstler, ein detailliert ausgemaltes Zeitbild anzulegen, in dem die sich die Abenteuer Matteos mit den Visionen Evelinas zu einem farbenprächtigen Erzählteppich verweben. Und wer weiß, vielleicht kommen die beiden damit der tatsächlichen Geschichte zum Manuskript schon sehr nah - und wenn nicht, dann haben sie jedenfalls ein originär einzigartiges Leseerlebnis geschaffen, das großes Vergnügen bereitet.

Buechernachlese © Ulrich Karger



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