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Umberto Eco

Das Foucaultsche Pendel

Roman. Hanser, München 1989, 767 S., ISBN: 3-446-15395-0, >>> Amazon

Was sich schon im Buch DER NAME DER ROSE andeutete wird in DAS FOUCAULTSCHE PENDEL nun vollends ausgelebt: Die Suche nach Erkenntnis erweitert sich zur Suche nach dem großen Plan, der das Sein bestimmt ... und wird von ihm als esoterischer Tanz um ein weltumfassendes schwarzes Loch desavouiert.
Pim Casaubon, der Anfang der siebziger eine Doktorarbeit über den Templerorden beendet, lernt in der Kneipe den Verlagslektoren Jacopo Belbo kennen und wird Jahre später dessen Kollege. Beide sind sich über die Grundtypen literarischen Schaffens einig - Idioten, Dämliche, Dumme und Irre - und entwickeln schließlich zu Gunsten ihres zweischneidigen Verlagsherren einen Plan: All die geheimbündlerischen Orden, angefangen von den Rosenkreuzern bishin zu den Freimaurern stützen ihre "Einsichten" offenbar auf waghalsige Spekulationen, die wiederum von irrwitzigen Konstellationen ausgehen. Da die Zahlenkabbala dabei eine große Rolle spielt, soll nun der Computer eine Zufallsreihe auspucken, die von den beiden, zu einer großen Mischpoke verrührt, als der große Plan zur Lösung des alles verbindenden Geheimnisses werden soll. Der Verleger, dem es bisher nicht auf Leser, sondern nur auf die bereitwillig geleisteten Unkostenbeiträge ruhmsüchtiger AutorInnen ankam, findet die Idee großartig. Dieses Projekt im seriösen Verlagteil sollte die Veröffentlichungen der "Diaboliker" des anderen "unterstützen", der geistige Ramsch der "Diaboliker" sollte wiederum Grundlage für das Projekt sein. Aber noch bevor sie den Triumph über die Dummheit ausgekosten können, müssen zwei Lektoren sterben, die ihren ihren Spott auf einmal genauso für bare Münze genommen hatten wie ihre heimlichen Verfolger. Nur die schwangere Lia fiel keine Sekunde auf die selbstgestellten Fallen herein ...
Zweifelsohne ist dieses Glasperlenspiel der (Selbst-)Ironie ein Stück Weltliteratur. Wer im Gegensatz zu Lia bis zuletzt auf ein geheimnisvolles Zauberwort gewartet hat, wird auch die 200 Seiten Längen als gerechte Strafe auf sich genommen haben, in denen Eco haarklein die kruden Verflechtungen seiner Protagonisten schildert. Die restlichen 500 Seiten, die einen Erzählkern von weniger als 50 Seiten in handwerklich vollkommener Weise (und der offenbar kongenialen Übersetzung von Burkhart Kroeber) auf das Zehnfache aufblähten, sind unbestritten der bewunderungswürdige i-Punkt eines intellektuellen Lesevergnügens, für dessen filmische Übersetzung Aichinger allerdings auf die Wiedergeburt der Marx Brothers warten müßte.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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