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Büchernachlese-Extra: Michael Ende

Michael Ende

Der Rattenfänger

Ein Hamelner Totentanz. Weitbrecht, Stuttgart 1993, 80 S., ISBN: 3-522-71390-7, >>> Amazon

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom Rattenfänger, der einst die Kinder aus Hameln führte, weil ihm der Lohn für seine Dienste schuldig geblieben worden war. Aber handelte es sich dabei wirklich um den überzogenen Racheakt eines Naturgeistes? Michael Ende entwickelte aus diesem Stoff nun das Libretto zu einer Oper, die Wilfried Hiller komponiert hat und im September '93 in Dortmund uraufgeführt werden soll. Das Libretto kann schon jetzt nachgelesen werden - und das lohnt sich allemal!
In einer Dramaturgie, die den Totentänzen des Mittelalters nachempfunden ist, wird das Publikum Zeuge einer noch heute gültigen Geschichte, deren Plausibilität leider trotz ihrer daraus zu ziehenden Erkenntnisse und Wahrheiten wohl zeitlos bleiben wird. Das Entführen der Kinder erweist sich nämlich als Rettung vor den reichen Erwachsenen, repräsentiert u.a. durch Bürgermeister, Kirchenfürst, Landsknecht und Kaufmann, die den Rattenkönig anbeten und für jedes Opfer ein Goldstück erhalten. Geopfert werden dabei Kinder, Bäume, Flüsse ... Die anderen Erwachsenen, die Armen wehren sich nicht, können sich nicht wehren, sind jedoch aus Sicht der Kinder ebenfalls mehr Täter als Opfer, da sie noch nicht einmal dem Offensichtlichen Rechnung zu tragen vermögen.
Dieser Totentanz hält uns allen den Spiegel vor, wie wir unsere "Sachzwänge" quer durch alle Schichten mit den offenkundig seit Jahrhunderten "gepflegten", fadenscheinigen Argumenten rechtfertigen. Die Überlieferung der alten Legende kann demnach nur noch als bis dato geglückte Geschichtsklitterung eingeordnet werden, wie sie noch heutigentags allenthalben versucht wird. Die Moralität dieser Geschichte ist adäquat gesetzt und ganz bestimmt kein zu bekritikasterndes Merkmal, noch dazu, wo sie in einen derart fesselnden Handlungsverlauf eingebunden ist. Michael Ende hat mit DER RATTENFÄNGER ein Volksstück im besten Sinne geschaffen. Es ist ein Stück für unsere Zeit, für unser Land, für Täter wie für Opfer.

Weitere Besprechungen zu Werken von Michael Ende und Sekundärliteratur dazu siehe:
Büchernachlese-Extra: Michael Ende

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