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Werner Filmer

Mein Vater

Tausend Tage Lebensende. Goldmann Verlag, München 1995, 158 S., ISBN: 3-442-12530-8, >>> Amazon

Werner Filmer dürfte der "breiten Leserschaft" zusammen mit Heribert Schwan bisher als Autor von gefälligen Biographien über noch lebende Politikergrößen bekannt geworden sein. Die weiß dann auch, daß er mittlerweile Hauptabteilungsleiter für Kultur und Wissenschaft des WDR-Fernsehens ist. Dieser Werner Filmer hat nun ein bestechend persönliches Buch verfaßt: "MEIN VATER - TAUSEND TAGE LEBENSENDE".
Darin legt er auf knapp 160 Seiten Rechenschaft über die Begleitung der letzten Jahre seines Vaters ab. Ihm gelang damit ein wertvolles Stück authentischer Literatur. Seine persönlichen Einlassungen leben von einer nüchtern prosaischen Sicht auf die Ängstlichkeiten, den Ekel im Umgang mit sabbernden Alten und sind dabei von nahezu lyrischer Dichte.
"Heute morgen las ich von der Heiterkeit des Alters. Es gelingt mir nicht, heiter zu sein. Er ächzt, stöhnt. Gegenwart scheint unverständlich zu sein. Gegenwart steigert Verwirrung. Der Nußbaum im Garten wirft Früchte ab."
Als sein Vater mit 89 stirbt ist Filmer 59 Jahre alt. Vier Jahre hatten Filmer und seine Frau den Vater bei sich aufgenommen, ihn auf sich genommen. Das eigene Altsein ist ihm beim langen Sterben seines Vaters nahegerückt, ohne Pathos, vielmehr mit dem Schrecken, u.a. vielleicht selbst in der Versuchung gewesen zu sein, was statistisch durchaus erhoben, aber unter den Deckmantel des Tabus gekehrt wurde: Die Gewalt gegen alte, nach Urin und Kot stinkende Menschen nicht nur seitens des professionellen, stets unterbesetzten Pflegepersonals, sondern auch der aufopfernd pflegenden Lieben daheim. Seine tagebuchartigen Aufzeichnungen stützt der Autor mit sechs Recherche-Einschüben und einem Interview, die er bei seiner parallel erarbeiteten Fernsehdokumentation "Gewalt gegen Alte" (ARD) gewonnen hat. Ohne Patentrezepten oder häuslicher Idylle das Wort zu reden, legt Werner Filmer mit diesem Buch den Finger auf eine offene Wunde: Den üblich gewordenen eigentümlichen Verlust des Sterbens aus dem Wohn- und Sichtfeld der Menschen. Gerade hierbei könnte Schmerz ein Zeichen von Heilung sein ...

Buechernachlese © Ulrich Karger


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