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Büchernachlese-Extras: Cornelia Funke | SF/Fantasy nicht nur für die Jugend

Cornelia Funke

Herr der Diebe

Roman. Dressler Verlag, Hamburg 2000. 396 Seiten. 29,80 DM. Ab 10 Jahren. ISBN: 3-7915-0457-6, >>> Amazon

Als die Mutter überraschend stirbt, sollen Bo und Prosper voneinander getrennt werden. Esther, die Schwester der Mutter ist sich mit ihrem Mann Max Hartlieb darin einig, nur den kleinen Bo bei sich aufnehmen zu wollen. Der 12-jährige Prosper würde in einem Internat Platz finden. Doch die Brüder fliehen lieber gemeinsam nach Venedig, jener Stadt, von der ihre Mutter so oft begeistert erzählt hatte. Um dort unentdeckt überleben zu können, schließen sich die beiden einer Kinderbande an, die von Scipio angeführt wird. Scipio trägt stets eine alte Pestmaske und läßt sich gern 'Herr der Diebe' nennen. Tatsächlich macht er soviel Beute, daß Wespe, Riccio, Mosca, Bo und Prosper gar nicht mehr selber stehlen müssen. Darüber hinaus hat er ein altes, verlassenes Kino aufgetan, in dem sie gemeinsam auch dem nahenden Winter hätten trotzen können - wäre ihnen nicht ein von den Hartliebs beauftragter Detektiv auf die Spur gekommen, der nach Bo Ausschau halten sollte.
Im Gegensatz zu ihrem weit märchenhafteren jedoch wie 'nochmal aufgegossen' wirkenden 'Drachenreiter' vom letzten Jahr hat Cornelia Funke nun einen Kinderroman verfaßt, der durchaus mit Michael Endes 'Momo' oder 'Die unendliche Geschichte' konkurrieren kann. In 'Herr der Diebe' entwickelt sie eine sehr eigene Magie, Erwachsenen- und Kinderwelt, harte Überlebensrealität und Märchenwunschwelt einzufangen und miteinander zu versöhnen.
Den eigentlichen Erzählteppich bildet Venedig mit seinen Kanälen, geheimnisvollen Gassen und uralten Gebäuden - die Begeisterung von Bo und Prosper für die Lagunenstadt ist sehr schnell nachzuvollziehen, und es wäre kein Wunder, wenn nach der Lektüre viele Kinder sie zum nächsten Urlaubstraumziel erklärten.
Zwar werden die Erwachsenen leicht kenntlich in die kindgemäßen Klischees von 'Feinde' und 'Freunde' aufgeteilt, doch geschieht dies mit derart überraschenden Brechungen, daß ihre Antriebe deutlich werden und sie als handelnde Personen nicht flach wirken. Klar, daß man die 'Freunde' an ihrem mehr oder weniger insgeheimen Hang zur Anarchie und ihrer Nähe zur eigenen Kindheit erkennt. Die Kinder sind allesamt liebenswert ausgestattete Charaktere, die natürlich auch über gut wiedererkennbare 'Macken' verfügen. Und als das Geheimnis um den Herrn der Diebe eine dementsprechend prosaische Lösung gefunden hat, trumpft die Autorin noch mit einem Karussell auf, das mit einigen Umdrehungen Kinder zu Erwachsenen und Erwachsene wieder zu Kindern werden läßt. Als dieses Karussell am mit Spannung erwarteten 'happy end' auf Nimmerwiedersehen verschwindet, hat man seine Existenz dank Funkes meisterhaft entfalteten und wohldosierten Fabuliergeschicks längst bereitwillig 'geschluckt' und trauert ihm (insbesondere als erwachsener Leser) nicht wenig hinterher.
Ein hinreißendes Leseabenteuer also, das mit seinen gut 400 Seiten selbst 10-jährigen gewiß nicht zu lang werden wird.

Weitere Besprechungen zu Werken von Cornelia Funke siehe:
Büchernachlese-Extra: Cornelia Funke

Buechernachlese © Ulrich Karger


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