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Büchernachlese-Extras: Cornelia Funke | SF/Fantasy nicht nur für die Jugend

Cornelia Funke

Tintenherz

Roman. Dressler Verlag, Hamburg 2003. 575 Seiten. 19,90 EUR. Ab 10 Jahren. ISBN: 3-7915-0465-7, >>> Amazon

Mortimer, genannt Mo, ist ein viel gefragter Buchbinder und hat zudem eine Gabe, die ihm und seiner 12-jährigen Tochter Meggie zum Fluch geworden ist. Er kann aus Büchern Personen, Tiere, ja sogar Feen und Kobolde "herauslesen". Bemerkt hat er dies an "Tintenherz" - einer gar nicht so alten Märchengeschichte, von der aber nur noch ein einziges Buchexemplar auf der Welt existiert. Und das hütet Mo wie seinen Augapfel. Nicht nur, dass er mit Capricorn und seiner Bande das personifizierte Böse "herausgelesen" hat, offenbar verlangt ein magisches Gleichgewicht, das für jedes Herauslesen auch etwas in das Buch hineingelesen wird. Als Meggies Mutter Teresa vom "Tintenherz" aufgesaugt wurde, war es das letzte Mal, dass Mo irgendjemanden irgendetwas vorgelesen hat. Das ist nun schon neun Jahre her, und seitdem wechseln Mo und Meggie immer wieder ihre Wohnorte. Denn Capricorn will unbedingt, dass Mo für ihn einen Freund aus "Tintenherz" herausliest, der womöglich noch schlimmer ist als er selbst. Und Capricorn ist Mo und Meggie schon dicht auf den Fersen.
Gratulation! Cornelia Funke hat sich nach ihrem großen Erfolg mit "Herr der Diebe" tatsächlich noch einmal selbst übertroffen und mit "Tintenherz" einen Roman für Kinder und Jugendliche geschaffen, der in einem Atemzug mit Michael Endes "Unendliche Geschichte", Astrid Lindgrens "Ronja Räubertochter" und, jawohl, auch mit Joanne K. Rowlings übermächtigem "Harry Potter" genannt werden kann.
Alles dreht sich um Bücher und ihre Geschichten: Auf der einen Seite Buchliebhaber wie die selbstbewusste Meggie und ihr Vater Mo, dazu noch unter anderem die resolute, auf den ersten Blick sehr unnahbare Tante Elinor, die ein gutes Buch scheinbar jedem Kind vorzieht, auf der anderen Seite der so gewissenlose wie brutale Capricorn, dazu seine grausame Mutter und der messerschwingende Basta, die aber allesamt nicht nur reine schwarzweiß Abziehbilder sind. Zudem treten auch Figuren auf, die wie Staubfinger zwar Capricorn zuarbeiten, aber eigentlich etwas ganz anderes wollen. So gibt es immer wieder neue Geheimnisse aufzudecken, Motivationen zu hinterfragen und diese dem Handeln der Protagonisten gegenüberzustellen. Dazu gehören auch die stets wechselnden Erzählperspektiven, die Einblick in die verschiedenen Innensichten der Helden erlauben. Die grandiose Idee, aus Büchern etwas heraus- wie auch in sie hineinlesen zu können, wird von der Autorin so plausibel wie originell ausgeführt und macht aus den Träumen so mancher Leseratte jene gerufenen Geister, die es dann wieder loszuwerden gilt - oder mit denen man zumindest verantwortungsvoll umzugehen lernen muss.
Cornelia Funke hat hierfür einen sehr eigenen Ton entwickelt, der die Dramatik des Geschehens durchaus mit Situationskomik aufzulockern versteht, aber ohne doppelbödige Ironie auskommt. Das erlaubt auch jüngeren Lesern einen leichten Zugang, ohne dass sich ältere davon unterfordert fühlen müssten. Lediglich an einer Stelle wird der Lesefluss durch die dem Lektorat entgangene, unbegründete Verwandlung eines Stifts zum Füller gestört.
Als weitere Zugaben sind noch Cornelia Funkes altmeisterlich gezeichnete Vignetten zu erwähnen sowie das Überschreiben eines jeden Kapitels mit einem Zitat aus anderen berühmten Kinderbuchklassikern. Diese 59 Zitate unter anderem von Richard Adams, Charles Dickens, Erich Kästner, J.R.R. Tolkien bis hin zu T.H. White setzen in ihrer kommentierenden Gegenüberstellung für die Kenner dann doch noch einige Tupfen Ironie und zugleich wird hier vor den Kindern und Jugendlichen ein farbenfroher Bücherteppich ausgerollt, der auf weitere Leseflüge neugierig macht.
Ob es einen zweiten Teil von "Tintenherz" geben wird? Ganz ausgeschlossen ist das nicht, denn am Ende verbleiben einige lose Erzählfäden, an denen noch anknüpft werden könnte

Weitere Besprechungen zu Werken von Cornelia Funke siehe:
Büchernachlese-Extra: Cornelia Funke

Buechernachlese © Ulrich Karger


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