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Marianne Golz-Goldlust

Der große Tag

Briefe. Gabriele Walter Verlag, Stuttgart 1988, 104 S., ISBN: 3-925440-11-9, >>> Amazon

"Mit Hilfe einiger vertrauenswürdiger Aufseher schickte sie Kassiber, kleine, zusammengerollte Papierstreifen, in Brotstücken versteckt in die benachbarte Zelle 41. Wer ihr antworte, solle ihr Geliebter sein. Und der ebenfalls zum Tode verurteilte Dr. Richard (Risa) Macha antwortete ...."
Diese Zeilen von den ersten Seiten des Vorwortes leiten in der Tat 'Merkwürdiges' ein: Eine Sammlung von Briefen und Kassibern der 'Volksfeindin' Marianne Golz-Goldlust, geschrieben 1943 In einem Prager Gefängnis.
In der fiktiven Literatur findet sich wohl manches Beispiel von erfüllter Liebe, die auch im Angesicht des Todes standhält. Die Wirklichkeit von Marianne, einer in den 20iger Jahren u.a. zusammen mit Richard Tauber gefeierten Operettensängerin, und Risa übertrifft solche Fiktionen. Sicher war die Liebe der beiden nicht erfüllt, weder in sexueller noch in seelischer Hinsicht. Diese Liebe jedoch setzte ein heimliches Fanal gegen die tödliche Tumbheit sie verurteilender 'Übermenschen', und Sie ist rührend wie ein Schößling, der sich durch Beton seinen Weg gebahnt hat.
Doch in ihrem Vorwort, das ein Drittel des schmalen Bändchens einnimmt, enthält sich Vera Gerasow wohlweislich solch 'sentimentaler' Vergleiche. Ihr gelingt es, die Leserschaft auf das Nachfolgende so umfangreich wie nötig und möglich einzustimmen, ohne sich und diese Faktenkenntnis in den Vordergrunb zu spielen. Daß Marianne als 'arische' Wienerin zu der jüdischen Familie ihres Mannes hielt und nicht zuletzt auch deswegen verurteilt wurde, weil sie (jüdischen) Menschen in Not ohne ideologischen Hintergrund 'einfach' geholfen hatte, ist für sich genommen Anlaß genug, die würdigende und ehrerweisende Erinnerung an sie wachzuhalten. So ein Verhalten kann selbst von den aus der deutsch-nazistischen Volkszugehörigkeit befreiten Österreichern nur selten bezeugt werden - aber wie sie die letzten Stunden ihres Lebens mit dem Lebendig-werden-lassen einer neuen, wenn auch eingeschränkten Liebe füllt, dürfte wahrhaft einzigartig sein.
"Mein Liebling! Ich bin grenzenlos unglücklich; die starke Frau bin ich nur zum Schein und nur mit wenig Erfolg. (...) Wir haben noch Zeit, wir überleben noch die anderen. Glaubst Du mir, daß ich dir G1ück gebracht habe? Glaub es endlich!"
Diesem Zeugnis kann sich kein mündiger Mensch verschließen, ohne Alt-Erkanntes neu zu bedenken. Nicht zuletzt den nach Wahrheit suchenden Jugendlichen sollte es weder von den Eltern noch in der Schule vorenthalten werden.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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