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Hermann Grab

Hochzeit in Brooklyn

Sieben Erzählungen. Frankfurt a. M., Verlag Neue Kritik, 1995, 141 S., ISBN: 3-8015-0284-8, >>> Amazon

Zu Unrecht vergessene Autoren und ihre Werke aufzuspüren und zu drucken, ist heutzutage fast ein genauso riskantes Unterfangen, wie die Arbeiten (noch) nicht "zugkräftiger Namen" zu fördern. Von Hermann Grab (geboren 1903 in Prag - gestorben 1949 in New York) sind nun wieder sieben Erzählungen nachzulesen. Die ersten beiden, UNORDNUNG IM GESPENSTERREICH und DIE KINDERFRAU, beschwören auf nur wenigen Seiten Kindheitserinnerungen. Keinesfalls friedlich-niedlich, sondern das Reich der Schatten und Gespenster als real empfundenen Bestandteil des Alltags vergegenwärtigend, weisen sie in leisen eindringlichen Tönen auf die allzunahe Zukunft hin. DIE MONDNACHT und die übrigen Erzählungen heben sich insofern von den ersten beiden ab, als sie weniger an Poe's phantastische Koinzidenzen gemahnen, sondern allein anhand der Wahrnehmungen einer detailgenau beobachteten Umwelt schildern, was hinterher angeblich keiner vorausgeahnt, keiner gesehen hat. "Frau Springer bemerkte, wie ein alter Herr mit rosigem Gesicht und sehr gepflegtem Bart sie lange ansah, es war der Professor Weigel, und sie wußte nicht, daß er gerade seine Galle spürte und daß er hoffte, er werde nicht nach Hause gehen müssen, denn seine Frau hatte sich gewünscht, bei dem Konzert dabei zu sein."
Sich scheinbar ernstlich mit den "Tragödien" gesellschaftlicher Beachtung oder Nichtbeachtung anläßlich eines Konzertes zur Unterstützung der "Helden an der Front" auseinandersetzend, stellte Grab die folgenschwere Tragödie ignoranter Egozentrik bloß. Von Brotberuf Musiklehrer und -kritiker setzte er aber stets auf Vielstimmigkeit. So entlarvt MONDNACHT nicht nur das "Kolorit" der untergehenden k.u.k. Monarchie im großbürgerlichen Milieu Prags, sondern erzählt zugleich anrührend die Geschichte eines 14-jährigen, der sich bei jenem Konzert verliebt und dank seines überströmenden Gefühls einen neuen Zugang zur Musik entdeckt hat. DIE ADVOKATENKANZLEI, RUHE AUF DER FLUCHT, DER HAUSBALL und schließlich die Titelgeschichte HOCHZEIT IN BROOKLYN greifen immer wieder neu das Thema eingeschränkter Wahrnehmung im Wandel der Zeiten vor, während und nach dem II. Weltkrieg auf. Das Schauderhafte daran ist das Gefühl, womöglich selbst zu keinem Zeitpunkt weitblickender gewesen zu sein. Wenn eine Sekretärin in der Advokatenkanzlei ihren Chef erst verehrt, seine Verhaftung als Jude dann aber nur noch achselzuckend hinnimmt, wird das bei Grab nicht weiter kommentiert, sondern als scheinbar gottgegeben festgehalten. Seine Ironie ist unaufgeregt, läßt allein wirken, was er zu erzählen hat und beweist gerade damit, wie sehr er an dieser Art von Mitmenschlichkeit gelitten haben muß. Daß zu seinen Vorbildern als gebürtigem Prager auch Kafka gehörte, dürfte sicher sein. Hervorragend denn auch sein Spiel mit den Erzählperspektiven: Eine harmlose Eröffnung wächst sich unter Bezugnahme des weiteren Kontextes zu einem Schreckensbild aus, dem man sich nicht mehr entziehen kann und sich u.a. wegen Grabs meisterlich subtiler Sprachregelung auch nicht länger entziehen sollte.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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