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Günter Grass, Heinrich Detering

In letzter Zeit - Ein Gespräch im Herbst

Steidl Verlag, Göttingen 2017. 128 Seiten. 14,00 Euro. ISBN: 978-3-95829-293-2, >>> Amazon

"Die Idee war sehr einfach. Wir wollten ein langes Gespräch führen. Wir wollten also ohne besondere Absichten und Themenvorgaben reden, geleitet lediglich von dem gemeinsamen Wunsch, der Reduktion des Dichters Grass auf die Figur eines politischen Kommentators zu entkommen - zu der er selbst mehr als gewollt beigetragen hatte - und von seinem Werk zu sprechen."
So der von Heinrich Detering unterzeichnete Klappentext zu "In letzter Zeit - Ein Gespräch im Herbst", dass er mit Günter Grass, ein halbes Jahr vor seinem Tod im April 2015, an je einem Tag im Oktober und November 2014 in dessen Behlendorfer Werkstatt geführt hatte. Detering bezeichnet das daraus entstandene Buch als "Fragment", denn noch Ende März 2015 hoffte Grass im letzten seiner drei den Gesprächen angefügten Briefe an Detering auf ihre Fortsetzung oder zumindest darauf, noch eine eigene "Form für die Fülle des Materials" zu finden. Dass sein Tod beides nicht mehr zuließ, tut der Lektüre dieses Buches jedoch keinen Abbruch - gerade weil man am liebsten über die letzte Seite hinaus noch weiter ihrem Austausch gefolgt wäre.
Grass mochte offenbar sein Gegenüber und vertraute ihm. Das färbte auf Tonfall und Duktus ab, machte ihn für Deterings Einwürfe und Zwischenfragen offen und gab ihm auch Raum, selber Fragen an Detering zu stellen.
So klingt auch manch Bekanntes, wie die Kritik an seinen Kritikern, längst nicht mehr so deklamatorisch überzogen und wird kurzweilig erläutert von persönlichen Hintergründen. Und das spiegelt sich auch in dem zentralen Diskurs um seine Rolle als politischer Kommentator, die er nach der Sprachlosigkeit während des Nationalsozialismus und seinen Kriegserfahrungen ganz bewusst im Sinne eines sich einmischenden Bürgers gewählt hatte - stets in der Hoffnung, dass eine Mehrheit der Bürger es ihm gleichtäte und so keineswegs nur seine, sondern viele unterschiedliche, auch zu ihm konträre Stimmen die Demokratie mit Leben füllten. Das erläutert Grass auch an Beispielen mit ihm befreundeter Schriftstellerkollegen, die er trotz anderer Ansichten zu respektieren wusste und den Austausch mit ihnen pflegte.
Wie sehr Gesellschaft, Presse und Politiker dieses Ansinnen wie bisweilen auch sein Werk in ihrem Sinne verkürzten und mit einiger Dynamik verächtlich machten, wird dann auch in einem überraschend ehrlichen, ihm sehr "peinlichen" Selbstbekenntnis von Detering deutlich gemacht. Er habe 1991 als junger Literaturwissenschaftler und freier Literaturkritiker der FAZ eine Rezension zu den "November-Sonetten" von Grass verfasst, dabei aber auch den von ihm bis dato ungelesenen Roman "Unkenrufe" erwähnt und als weitere "unheilvolle Ankündigung" nachlassender Kraft des Autoren Günter Grass eingeführt. Dies allein auf Grundlage von Besprechungen in anderen Zeitungen. Deterings Erklärungsversuch vor Grass lautet, dass seine Generation - er ist Jahrgang 1959 - "genervt war von den Deutschlehrern, von den üblichen Autoritätspersonen, von immer wieder Grass und Brecht "*
Wie und was Grass darauf antwortet, erhellt im besten Sinne so manch Missverständnis hinsichtlich über sein Selbstverständnis und soll hier nicht vorweggenommen werden.
An anderer Stelle hakt Grass bei Detering nach und will von ihm wissen, wie er, der gut dreißig Jahre jüngere, in der Nazi-Zeit agiert hätte. Und dann greift er Deterings Antwort auf, dass auch er eigentlich ein Stubenhocker war, er aber als 14-, 15-jähriger kein eigenes Zimmer wie Detering hatte, und ihm erst das "Jungvolk" in der Hitlerjugend ein Entfliehen aus der Enge der elterlichen Zweizimmerwohnung und zugleich eine "Klassenlosigkeit" bot, die ihn sich wohlfühlen ließ. Dies und weiteres dazu hier derart unprätentiös nachzulesen, wirkt weit glaubhafter und nachvollziehbarer, als in "Beim Häuten der Zwiebel". So auch seine Erläuterungen zu dem ihm wichtigsten Roman "Hundejahre", die auch der Jubiläumsausgabe 50 Jahre nach der Erstveröffentlichung als Anhang gut bekommen wären.
Noch vieles Andere wird in dem Buch angesprochen, das auch Kennern Neues oder zumindest einen neuen Blickwinkel auf Grass bieten könnte. Genauso lädt es aber auch zu einer Erstbegegnung mit dem Autor ein, bevor man sich in dessen Werke vertieft, um das dazu von ihm Gesagte darin widerhallen zu lassen. Die, wie gewohnt, liebevolle Ausstattung des Verlags als Hardcover mit Lesebändchen und inklusive einiger Grafiken von Grass setzt einmal mehr den I-Punkt.

*[Kommentar (auch) in eigener Sache: Ich gehöre der gleichen Generation wie Detering an, und mir sind in meinen Kritiken auch gewiss schon einige Peinlichkeiten unterlaufen - aber in einer Rezension mit einem Buch zu argumentieren, ohne es gelesen zu haben oder, wie im hier angesprochenen Fall auch möglich, ohne zumindest die Argumente Anderer als Zitat kenntlich zu machen, gehört nicht dazu! Umso mehr ehrt es Detering, sein seinerzeit m.E. tatsächlich äußerst peinliches Verhalten als Literaturkritiker vor dem Betroffenen derart offen zu legen und nicht zuletzt auch in diesem Buch seine diesbezügliche Weiterentwicklung nachzuweisen.]

Weitere Besprechungen zu Werken von Günter Grass und Sekundärliteratur dazu siehe:
Büchernachlese-Extra: Günter Grass

Buechernachlese © Ulrich Karger


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