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Wolfgang Herles mit Heinrich Albertz

Wir dürfen nicht schweigen

Ein politisches Gespräch. Kindler, München 1993, 208 S., ISBN: 3-463-40213-0, >>> Amazon

Kurz vor seinem Tod ließ sich Heinrich Albertz von Wolfgang Herles interviewen. Zwischen dem 78-jährigen und dem renommierten Fernsehjournalisten entwickelten sich Gespräche, die über das sonstige Frage- und Antwortspiel beliebig austauschbarer Talk-shows hinausgingen. So wurden in WIR DÜRFEN NICHT SCHWEIGEN vier Dialoge dokumentiert, die sich trotz ihrer melancholischen Themen durchaus als vergnügliche Lektüre erweisen.
"Herles: Mir kommt Kohl manchmal vor wie der berühmte Zauberlehrling von Goethe. Die Geister, die er rief, wird er nicht mehr los.
Albertz: Na, der kann doch nichts dafür. Durch Gottes Zorn haben wir diesen Kanzler jetzt, aber der kann doch nichts dafür, daß diese Einheit zustande gekommen ist."
Aber auch wer Analysen in der Diktion eines allwissenden Helmut Schmidt befürchtet, wird von H.A. angenehm enttäuscht: "Alle ehrlichen Leute sind auch ratlos, und ich weiß nicht, ob es nicht das Klügste wäre, jetzt möglichst wenig zu tun, wie bei einer Wunde, die man erst mal ein bißchen abheilen läßt."
Altersweise und von erwiesen pragmatischer Redlichkeit meinte H.A. damit keine Vogel-Strauß-Perspektive. Vielmehr ließ er einen desillusionierenden Blick hinter die Kulissen unserer Parteien, insbesondere der SPD, zu, oder er erklärte, warum ein Mann wie Stolpe derzeit unverzichtbar ist, oder warum er "heimlich" am liebsten Potsdam zum Regierungssitz erwählt hätte. Natürlich ging er auch auf jenes Spannungsverhältnis ein, das daraus erwächst, wenn (nicht nur) ein Pastor in die Politik geht, ..gehen muß!
Dieses Gespräch zwischen den Vertretern zweier Generationen lebte von seiner Freiheit, scheinbar undiszpliniert zu assozieren. Es sondierte dabei ein geschichtliches Terrain, das von der Jetztzeit bis zum "Alten Fritz" reicht und auch vor dem eigenen Tod nicht haltmacht. WIR DÜRFEN NICHT SCHWEIGEN ist auch deshalb mehr als eine belanglose Plauderei, weil H.A. mit seinen von ihm eingeräumten (und konsequent verantworteten) Fehlern einer der wenigen glaubwürdigen politischen Menschen war, dem man seine Haltung, eine Mischung aus Zorn und Barmherzigkeit, abzunehmen vermochte. Sein Kurs der Verständigung wollte nichts übertünchen, sondern bezog eben die unterschiedlichen Positionen in ihrer Unterschiedlichkeit mit ein. Ein Mensch also, der das Andere und Anderssein auszuhalten gelernt hatte - einer, dem zuzuhören lohnte!

Buechernachlese © Ulrich Karger


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