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Büchernachlese-Extra: Büchernachlese-Bestenliste 2021

Toon Horsten

Der Pater und der Philosoph

Die abenteuerliche Rettung von Husserls Vermächtnis. Aus dem Niedrländischen von Marlene Müller-Haas. Galiani Berlin Verlag, Köln 2021. 288 Seiten. 24,00 Euro. ISBN: 978-3-86971-211-6, >>> Amazon

Dass heute noch das nahezu vollständige Werk des Philosophen und Begründers der Phänomenologie Edmund Husserl (1859-1938) nachgelesen werden kann, ist vor allem dem seinerzeit jungen flämischen Franziskanermönch und "Husserl-Fan" Pater Herman Leo Van Breda (1911-1974) zu verdanken. Van Breda hatte seit 1936 das Werk Husserls studiert und begann ab 1938 an einer Dissertation über dessen Frühwerk zu schreiben. Kurz nach Husserls Tod machte sich van Breda auf den Weg nach Freiburg, um einerseits unveröffentlichte Originalhandschriften für seine Dissertation einsehen zu können und andererseits die Erben Husserls zu fragen, ob sie eine Übersetzung der unveröffentlichten Originalhandschriften unterstützen würden. Und die Witwe Husserls stimmte beiden Ansinnen des jungen Paters gern zu. Doch da Husserl als Jude aufgewachsen ist, waren trotz seiner Konversion zum evangelischen Glauben noch zahlreiche weitere Hürden zu nehmen, um seine Manuskripte unbeschadet nationalsozialistischer Willkür ins Ausland schaffen zu können
Der belgische Autor Toon Horsten hat im Original De pater en de filosoof - de redding van het Husserl-archief bereits 2018 vorgelegt, wovon nun die deutsche Übersetzung von Marlene Müller-Haas unter dem Titel "Der Pater und der Philosoph - die abenteuerliche Rettung von Husserls Vermächtnis" erschienen ist.
So spannend sich die Rettung von Husserls mehrere zehntausende Seiten umfassendes Konvolut an Schriften liest, so rein zufällig familiäre Ignoranz überwindend erscheint auch die Entstehung dieses Buches. Denn Toon Horsten hatte nur zufällig ein Foto von seiner Großmutter mit einem Priester an ihrer Seite entdeckt - ihr "Lieblingscousin" Pater van Breda. Anbei fand sich zudem eine Traueranzeige zum Tode des Paters mit einer beeindruckenden Aufzählung offizieller Auszeichnungen durch die Bundesrepublik Deutschland, die Niederlande, Belgien und Israel sowie eine Ehrendoktorwürde und ein Orden als Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg. Doch wusste keiner in der Familie des Autors genau zu sagen, was die Ursache für all diese Auszeichnungen war. Wie schon der Anhang mit Bibliografie und Bildnachweisen dokumentiert, hat Toon Horsten dem so intensiv wie fundiert nachgespürt. Mehr noch, er feiert diesen "Stoff", in dem er stets wohldosiert und zugleich spannungsreich die Fakten zu Personen wie Husserl und van Breda aber auch zu Husserls "Lieblingsschüler" und späteren Verleugner Martin Heidegger in Beziehung setzt. Bei aller familiären Nähe zu van Breda läuft Horsten an keiner Stelle Gefahr, ihm eine unkritische Hagiografie zu widmen. Der Respekt vor van Breda, Husserls Schriften für die Nachwelt vor der Verfolgung durch die Nazis gerettet zu haben und die ca. 40000 Seiten in Gabelsberger Stenographie transkribieren zu lassen, ist mehr als nachvollziehbar. Van Bredas kleinere Eitelkeiten und seine später offenkundig gewordene Nachlässigkeit in einem Fall, als er für einen als Juden verfolgten Übersetzer von Husserls Texten seine Familienbilder aufbewahren sollte und sie stattdessen einfach verbrannte, schmälert die im Wortsinn mehrfach ausgezeichnete Leistung nicht - rückt van Breda aber eben, wie viele andere auch, in den auch dadurch spannungsgeladenen Kontext des Allzumenschlichen.
Das Geschichtliche, insbesondere Zeit- und Philosophiegeschichte liest sich somit wie ein literarisch ausgefeilter Thriller, auch dank einer sehr eingängigen Übersetzung durch Marlene Müller-Haas. Ein echtes Highlight in diesem Bücherfrühling!

Buechernachlese © Ulrich Karger


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