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Reinhard Kaiser (Hrsg.)

Das Lalebuch

Wunderseltsame, abenteuerliche, unerhörte und bisher unbeschriebene Geschichten und Taten der Lalen zu Laleburg. Aus dem Deutschen des 16. Jahrhunderts von Reinhard Kaiser. Galiani Berlin Verlag, Köln 2021. 240 Seiten. 20,00 Euro. ISBN: 978-3-86971-236-9, >>> Amazon

Kennen Sie die Geschichten von den Lalen? Sehr wahrscheinlich schon - wenn auch unter anderem Namen. Denn eigentümlicherweise hat das ein Jahr nach dem Erscheinen des Lalebuches vorgelegte dreiste Plagiat unter dem Titel "Die Schildbürger" ab 1598 Furore gemacht, während "Das Lalebuch" als Original von 1597 vergleichsweise nur sehr wenigen noch bekannt ist. Ein Blick in den Wikipedia-Artikel Schildbürger zeigt, dass es mindestens 10 Schildbürger-Ausgaben und derzeit mit dieser hier lediglich drei Lalebuch-Ausgaben gibt.
Ganz abgesehen davon, dass u.a. ein Erich Kästner seine Auswahl an Schildbürgerstreichen als Kinderbuch vorlegte, wird "Das Lalebuch", das bis auf die Bezeichnung "Lalen" anstelle von "Schildbürger" deren Geschichten zwar nur marginal anders erzählt, auch noch von einem gut 40-seitigen Anhang mit skurrilen, weil lügengespickten Neuigkeiten bzw. "Neue Zeitungen aus der ganzen Welt" sowie um die zwölf Original-Holzdrucke zur Illustration des Ganzen ergänzt.
Die Verfasser des Originals wie auch des Plagiats haben sich bis zuletzt bedeckt gehalten und sind namentlich nicht bekannt.
Die Übersetzung aus dem Deutschen des 16. Jahrhunderts in ein heutiges Deutsch ist dem zugleich als Herausgeber fungierenden Reinhard Kaiser gut und flüssig gelungen, ohne damit augenscheinlich Form und Inhalt sowie insbesondere den Sprachwitz über Gebühr zu glätten und zu verfälschen.
Gerade deshalb muss davor gewarnt werden, dass diese über 400 Jahre alten Geschichten weder neue Gendersprachregelungen einhalten noch überhaupt einen Sinn für ein auch nur ansatzweise feministisches Bewusstsein pflegen. So heißt es eingangs in einem der eingestreuten Reimzitate zum Beispiel:

Wo ein Mann ist, aber kein Weib,
Daselbst ist ein Haupt ohne Leib,
Und wo ein Weib ohne Mann,
Da ist der Leib - kein Haupt daran.


Und noch schlimmer: Hier ist von Frauen die Rede, die beklagen ein von Männern entvölkertes Land zu regieren. Denn die wegen ihrer Weisheit gerühmten Männer dienen an den Höfen fremder Fürsten und Könige als Berater. Und so fassen die Frauen den Plan, die Männer zur Rückkehr aufzurufen und dann künftig alles nur noch närrisch angehen zu lassen, damit die Männer künftig in Frieden bei ihren Frauen in Laleburg bleiben können
Die derart eingeleiteten und begründeten Lalen-Geschichten, wie z.B. jene, dass die Lalen ein Rathaus ohne Fenster bauen, das Tageslicht in Säcken tragen wollen, einen Krebs vor Gericht stellen und so weiter und so fort, sollten also mit großem Vorbehalt gelesen werden. Zum darüber Schmunzeln oder gar Lachen bleibt dann womöglich nur noch der Gang in den Keller
Von derlei Hemmungen nicht Geplagten sei jedoch gesagt, dass die beiden vorigen Lalebuch-Ausgaben von Stefan Ertz (1970) und Werner Wunderlich (1982) nur noch antiquarisch erhältlich sind - und allein schon von daher vermag eine Neuausgabe des Lalebuches durchaus zu erfreuen, noch dazu, wenn sie als handliches, schön samt Lesebändchen ausgestattetes Hardcover zu einem relativ günstigen Preis vorgelegt wird.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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