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Büchernachlese-Extras: Karl Kerényi | Mythen, Sagen und Märchen

Karl Kerényi

Die Mythologie der Griechen

Klett-Cotta, Stuttgart 1998
Bd. 1: Die Götter- und Menschheitsgeschichten. 307 S., ISBN: 3-608-91824-8, >>> Amazon
Bd. 2: Die Heroengeschichten. 451 S., ISBN: 3-608-91873-6, >>> Amazon

Die Sagenwelt der griechischen Antike scheint wiederentdeckt zu werden. Allein zwei neue Nacherzählungen und ein Theaterstück zur Odyssee, die eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihr suchen. Darüberhinaus ein zwar aufwendig gedrehter und zur Weihnachtszeit in der Primetime eines Privatsenders ausgestrahlter Odyssee-Zweiteiler, der jedoch nur noch von einer Serie und einem Walt-Disney-Zeichentrickfilm über Herkules unterboten wird - jedenfalls was die Interpretation und die philologische Richtigkeit der besagten Mythen angeht. Allein schon die römisch-lateinische Namenssetzung 'Herkules' in die ansonsten (verunstaltete) griechische Götterwelt einzuführen, bereitet da Bauchschmerzen und beweist eine rein auf dem kleinsten vermuteten Bildungs-Nenner begründete Assoziations-Vermarktungsstrategie. Aber selbst hierzu werden nicht nur die 'Bücher zum Film', sondern im Gefolge auch wieder vermehrt die "Orginale" nachgefragt ...
Neueinsteigern wie Kennern sei nun eine Neuauflage von Karl Kerényis "Die Mythologie der Griechen" anempfohlen. In Band I werden darin umfassend "die Götter- und Menschheitsgeschichten", in Band II "Die Heroengeschichten" vorgestellt. In den 50er Jahren erstmals erschienen, erweisen sich diese Bände noch immer als ein gültiges Standardwerk und unterstreichen den Ruf des 1973 verstorbenen Autoren als einen der bedeutensten Religionswissenschaftler dieses Jahrhunderts.
Kerényi hat aus dem Problem, daß sich die griechischen Mythen nicht in ein streng systematisches oder gar chronologisches Korsett zwingen lassen, einen wissenschaftlich wie literarisch gelungenen Ansatz entwickelt. So beginnt er den ersten Band zwar mit den (insgesamt drei) Schöpfungsgeschichten, endet aber nicht mit dem Kapitel "Prometheus und das Menschengeschlecht", sondern schließt daran noch "Hades und Persephone" sowie die Mythen zu Dionysos an. Hierbei gaben ihm zum Einen die vermuteten Entstehungszeiten der Geschichten sowie eine "vertikale" Ausrichtung den Rahmen vor: Vom Himmel über die Erde zur Unterwelt. Diesen Faden, der auch andere Werke Kerényis durchzieht, verbindet er mit der These, daß die vielgestaltig und zahlreich bevölkerte Götterwelt sich letztlich den Antagonismen von Helios (Sonne) und Hades (Unterwelt) zuordnen lassen.
Kerényi erzählt nun die unterschiedlichen Variationen der jeweiligen Geschichten, aus der Sicht eines Alter Ego. Er stellt sich dabei einen "Erwachsenen" vor, der den Versuch "gleich einem um die Nachwelt völlig unbekümmerten und wie Aristophanes ungezogenen Klassiker" unternimmt, "die Mythologie der Griechen in der Form einer zusammenhängenden Erzählung vorzulegen". Diese Erzählhaltung schützt die einzelnen Geschichten vor einer Zerfaserung und erlaubt somit ungetrübten Lesegenuß. Daß sie dennoch einer wissenschaftlichen Untersuchung standhält, belegen nicht zuletzt die unzähligen Fußnoten, die aber erst im Anhang auf eine äußerst genaue Quellenscheidung hinweisen. Überhaupt dieser Anhang: Hier finden sich die besagten umfangreichen Quellennachweise, über sechzig (in Band II an die achtzig) Fotos von Keramikmalereien sowie ein in vier (in Band II in zwei) Kapitel unterteiltes Stichwortregister, das aus diesen Geschichtenbüchern zugleich äußerst brauchbare Nachschlagewerke macht.
Auch Günter Grass hat sich kürzlich bei der Frage, warum er nicht längst resigniert habe, auf die Standhaftigkeit und den Listenreichtum des in der griechischen Unterwelt steinewälzenden Sisyphos berufen - bei Kerényi ist hierzu nun nachzulesen und zu entdecken, daß nach einer Erzähltradition nicht Laërtes, sondern der göttliche und "erste Beherrscher der Buchstabenkunst" Sisyphos der Vater des Odysseus sei. Eine Querverbindung, die Grassens Metapher womöglich noch tiefgründiger als von ihm beabsichtigt sein läßt ...

Weitere Besprechungen zu Werken von Karl Kerényi siehe:
Büchernachlese-Extra: Karl Kerényi

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