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Matthias Kroeger

Die Notwendigkeit der unakzeptablen Kirche

Eine Ermutigung zu distanzierter Christlichkeit.
Kösel Verlag, München 1997, 264 S., ISBN: 3-466-36474-4, >>> Amazon

Mit seinem Buch DIE NOTWENDIGKEIT DER UNAKZEPTABLEN KIRCHE will Matthias Kroeger, Professor für neuzeitliche Theologie- und Kirchengeschichte, zu "distanzierter Christlichkeit" ermutigen. So paradox der Titel klingt, er könnte Sinn machen. Der distanzierte Christ, als der sich der Autor versteht, verwirft im Gegensatz zu polemischen Kirchenkritikern wie Deschner oder Herrmann die christlichen Kirchen nicht samt und sonders. Er sieht sich vielmehr an ihren Rändern und damit sogar innerhalb der volkskirchlichen Mehrheit. Diese "Randmehrheit" droht nun allerdings nach und nach aus den Kirchen auszutreten - tut sie es bewußt, etwa auch mit einer echten religiösen Alternative im Gepäck, kann und will Kroeger dagegen gar nichts einwenden. Die Beengungen und Beschränkungen, wie sie der Autor nicht zuletzt durch das zwanghaft "Bekenntnishafte" in den Kirchen erlebt, würden so einen Schritt durchaus rechtfertigen. Dieses von ihm kritisierte Bekenntnis fängt bei dem hermeneutischen Gottesbegriff an, bei dem Kroeger nicht nur die "Gleichursprünglichkeit des Bösen und Guten in Komplementarität" denken, sondern überhaupt Häresie und den Synkretismus verschiedenster Gottesvorstellungen als hilfreiche, Kirche lebendig machende Auseinandersetzungsform erfahren möchte. Die "grotesk-kleinbürgerlichen (allerdings älteren) Äußerungen" der EKD-Kammer und die römischen Verlautbarungen zur sexuellen Ethik speziell zum vorehelichen Geschlechtsverkehr, die decouvrierende Behandlung von geschiedenen Pastorinnen und Pastoren sowie der Umgang mit Homosexuellen, feministischer Theologie oder der Suizid-Thematik sind weitere aber nicht einzige Posten seiner "Liste der Verfehlungen".
Andererseits gibt Kroeger gerade auch den kirchenfernen "Linken" zu bedenken, welche Vakua entstünden, sollten die Kirchen eines Tages tatsächlich auf Vereinsmaß zurückgestutzt werden. Entgegen der SPIEGEL-Umfragen seien immer noch gut 85% der Alt-Bundesdeutschen Mitglied einer der beiden Volkskirchen, und diese Kirchen haben als größte gesellschaftlich relevante Gruppe innerhalb unseres Landes ein nicht zu unterschätzendes Potential, das sich u.a. gegen die wachsende Entsolidarisierung stark machen kann. Gerade die derzeit ansteigende Kirchenaustittstendenz ist aber der "meist undurchschaute Teil einer größeren Privatisierungs- und Entsolidarisierungswelle, die die gesamte Öffentlichkeit betrifft". Individualisierung, was hier Religionslosigkeit meint, bedeutet eben auch den Verlust der Anbindung an die Gesellschaft. Zudem ist man alleine auch damit überfordert, "fortwährend eine ganz eigene religiöse Gestalt zu suchen und zu finden; wir müßten lauter religiös schöpferische Genies sein." Also bitte weiterhin Kirchensteuer zahlen, damit wir weiterhin auf eine seriöse Institution zurückgreifen können, die moralisch-geistlich-religiöse "Herberge" gewährt.
Und was die Kirchen angeht, sollen sie doch bitte den Vorstellungen der Distanzierten (mehr) Zeit, Raum und Gehör schenken, um schließlich völlig aufgeschlossen aber trotzdem nicht beliebig zu sein ...
Zu würdigen ist in jedem Fall Kroegers Ansatz, mutmaßlich "real-existierende" Glaubenswirklichkeiten in und außerhalb der Kirchen zur Diskussion zu stellen. Manche seiner Ansätze sind im besten Sinne anstößig und von daher hilfreich. Allerdings unterliegt er bei seinem Versuch einer Quadratur des Kreises einer Niemand verprellen wollenden Eiertänzerei. Die Unschärfen resultieren aber nicht nur daher. Sein Buch ist einfach in schlechter Verfassung: Professoral geschwätzig und derart undiszipliniert gegliedert, daß man oft vor lauter Ärger die Lust am Weiterlesen verliert. Einfach zwei Reden zusammenzuschustern, ohne sie auf Wiederholungen durchzusehen und in ein Ganzes zu überarbeiten, hat weder das Thema noch der Kunde verdient - egal, ob distanzierter, nicht distanzierter oder gar kein Christ!

Buechernachlese © Ulrich Karger


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