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Betty Jean Lifton

König der Kinder

Das Leben von Janusz Korczak. Klett-Cotta, Stuttgart 1990, 380 S., ISBN: 3-608-95678-6, >>> Amazon

"Wie leicht fällt es doch zwei Schurken, sich zu einem gemeinsamen (..) Verbrechen (..) zu verabreden; wie unmöglich aber ist eine harmonische Zusammenarbeit, wenn zwei Menschen auf dieselbe Weise lieben, auf ganz andere Art jedoch verstehen, weil ihre Erfahrungen ganz andere sind."
Diese Erkenntnis aus den ERINNERUNGEN von Janusz Korczak, der eigentlich als Henryk Goldszmit 1878 oder 1879 geboren wurde, war ihm buchstäblich bis zu seinem legendären Lebensende Antrieb, anstatt wie für 1000 andere ein plausibler Grund für die Resignation zu sein.
Betty Jean Lifton hat ein Kunststück vollbracht: Aus den wenigen Fragmenten von Korczaks literarischem Nachlaß und den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, das sind ehemalige Kinder und Betreuer aus Korczaks jüdischem Waisenhaus, knüpfte sie ein dichtes, beziehungsreiches Netz, das gerade wegen seiner offenkundig notgedrungenen Transparenz den Leser gefangen hält. Wo andere das vielleicht im besten Wollen tollpatschig mit Pathosklecksen zukleistern würden, hält sie die Fäden ihrer Spurensuche offen in der Hand, zeigt, wonach sie Auschau hält. Relativ spät, erst 1978, hörte sie von J.K., der utopische Geschichten und Märchen für Kinder geschrieben hatte, vergleichbar einem James Caroll, nur mit dem Unterschied, daß seine Kinder in den dunklen Slums von Warschau lungerten.
"Ich wollte mehr über diesen Mann wissen - diesen guten Arzt - der es vorgezogen hatte, zu sterben, bevor er die Prinzipien, nach denen er gelebt hatte, aufgab. Was hatte ihm die Kraft gegeben, diese Prinzipien in einer aus allen Fugen geratenen Welt aufrechtzuerhalten?"
Die etwas dazu sagen konnten, hatten nicht den Märtyrer gekannt und geliebt, sondern den "lebendigen, fehlbaren Vater und Lehrer".
J.K. war Pole und Jude, das überbehütete Salonkind in einem großen, von Frauen dominierten Haushalt, er war der Sohn eines launischen, zuletzt wahnsinnigen Vaters, er war ein einsames Kind, der statt draußen wie die anderen vom Hausmeister gejagt zu werden, eine Phantasiewelt bevölkern mußte, er war der Enkel eines Großvaters, der die Annäherung zwischen Polen und Juden suchte.
J.K. hatte nie geheiratet und wollte keine eigenen Kinder. Die einzig ausgesprochenen, zärtlichen Gefühle zu Gleichaltrigen hatte er als Knabe zu einem anderen zugelassen - seine Passion waren die Kinder, denen er eine Hilfe zur Selbstverantwortlichkeit sein wollte. Als Erwachsene bekamen diese dann ein Nachlassen seines intensiven Interesses zu spüren - sie waren keine Kinder mehr.
J.K. war ein Pionier des Selbstverwaltungsgedankens, er wollte eine Kinderrepublik, in der Kinder über Kinder zu befinden hatten. Er war von einem aggressiven Harmoniebestreben zugunsten der Kinder. Er bat nicht, er forderte ein Lebensrecht für die verwahrlosten, ausgestoßenen und mißhandelten Kinder. Bis zuletzt hatte er keine Angst, auch im Warschauer-Ghetto nicht, selbst bei den Nazi-Deutschen dies einzuklagen. Bis zuletzt hatte er Angst, genauso wahnsinnig wie sein Vater zu werden.
J.K. ist Teil der wechselvollen polnischen Geschichte, die Betty Jean Lifton kontrapunktisch miteinzuführen weiß, sodaß aus manch häßlichem Gedanken vor den derzeit überfüllten Billig-Supermarktketten die Luft abgelassen würde.
"Wenn er ihnen (den Betreuern; der Rez.) helfen konnte, sich in jene Zeit zurückzuversetzen, in der all ihre Sinne noch offen waren, wenn es ihm gelänge, die Wälle niederzureißen, die sie errichtet hatten, um das weinende Kind in sich abzuschotten, dann konnte er sie auch an die Gründe des scheinbar irrationalen Betragens von Kindern heranführen."
Diese Schlußfolgerung, lange vor Alice Miller, ist sicher auch auf J.K. selbst und sein Lebenswerk anzuwenden. So lauten die ersten Zeilen aus der berühmten Geschichte von KÖNIG HÄNSCHEN I.: "Wenn ich wieder klein werde ... Und das war so ..."
Offenbar kongenial von Annegrete Lösch in ein mitreißendes Schildern übersetzt, ist KÖNIG DER KINDER ein Muß für alle, die Kinder lieben und groß(er)ziehen wollen und dabei nicht vergessen, auch in sich das Kind zu suchen.
"(..) Es wäre schön, wenn man abwechselnd klein und groß sein könnte - wie Sommer und Winter, Tag und Nacht. Dann würden sich Kinder und Erwachsene verstehen."

Buechernachlese © Ulrich Karger


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