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Gareth B. Matthews

Die Philosophie der Kindheit.

Wenn Kinder weiter denken als Erwachsene
Beltz Quadriga Verlag, Weinheim-Berlin 1995, 198 S., ISBN: 3-88679-817-8, >>> Amazon

Das Buch "Die Philosophie der Kindheit" behandelt keine Philosophie über die Kindheit, sondern meint tatsächlich das Philosophieren von Kindern. Nach Meinung des Autoren Gareth B. Matthews sind die Voraussetzungen der Kinder, nämlich Unvoreingenommenheit und Erfindungsreichtum, die einzig wirklich wichtigen Kriterien, um philosophieren zu können. Diese Gaben würden eine geringer ausgebildete Disziplin und Verstandesschärfe bis zu einem gewissen Grad durchaus wettmachen. Der Professor für Philosophie an der Universität von Massachusetts legt nun in zehn Kapiteln sehr plausibel dar, was das Philosophieren der Kinder auszeichnet und vor allem, welche Schlußfolgerungen aus der Erkenntnis dieses Umstandes gezogen werden könnten.
Nicht nur für Pädagogen besonders interessant dürfte seine Attacke auf das Stufenmodell Piagets sein. Danach suggerieren Piagets "Invarianzexperimente" nur auf der Grundlage falscher Fragestellungen, daß Kinder erst die Phasen von Egozentrismus und Phänomenismus, d.h. kognitive Unzulänglichkeiten überwinden müßten, bevor sie bedeutungsvolle philosophische Mutmaßungen anzustellen vermögen. Ebenso widerspricht er diversen Theorien, die auch die moralische Kompetenz in ein Stufenmodell zwingen wollen, das die Kinder erst der Reihe nach zu durchlaufen hätten.
In dem mit "Kinderrechte" überschriebenen Kapitel führt Matthews in eine Debatte ein, die, wenn es zum Beispiel um die Teilnahme an politischen Wahlen oder auch um die Scheidung von Eltern geht, überraschend positive Argumente findet. Es folgen die Kapitel "Das Vergessen der Kindheit", "Kindheit und Tod", "Literatur für Kinder" und "Kunst von Kindern". In letzterem weist Matthews geradezu genüßlich die Ignoranz von Erwachsenen nach, wenn sie ganz selbstverständlich den von Kindern gemalten Bildern bestenfalls nur sentimentale Wertschätzung zukommen lassen.
Die Leistung dieses flüssig geschriebenen Buches liegt insbesondere darin, daß Matthews keine apodiktischen Antworten erteilt, sondern ins Mark zielende Fragen stellt, die nicht so leicht von der Hand zu weisen sind. Danach werden Kinder nicht erst zu Menschen, sie sind es bereits. Und solange die Gesellschaft dem nicht Rechnung trägt, kann alles, was diesen Gegebenheit erhellt, nicht banal sein.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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