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Pascal Mercier

Der Klavierstimmer

Roman. Knaus Verlag, München 1998, 509 S., ISBN: 3-8135-0066-7, >>> Amazon

Die Zwillinge Patrice und Patricia wollten sich eigentlich nicht mehr begegnen. Patricia hatte sich als erste aus der inzestiösen Beziehung zu ihrem Bruder befreit und ist dann nach Paris, Patrice wenig später nach Santiago di Chile abgeflogen. Doch dann geschah das Unglaubliche: Ein berühmter italienischer Tenor wurde auf offener Bühne erschossen, der Vater der Zwillinge hatte die tödliche Waffe bei seiner Verhaftung noch in der Hand. Als Untersuchungshäftling in Moabit erhielt er dann Besuch von den beiden - nacheinander. Nur für eine Nacht trafen sich die Geschwister noch einmal in der elterlichen Villa. Patrice kam gerade aus Santiago an, Patricia wollte am nächsten Tag zurück nach Paris, wo für später ein letztes Treffen in einem Bistro geplant war. Bei dieser Gelegenheit sollten dann jeweils sieben Schulhefte ausgetauscht werden, in denen sie sich gegenseitig ihre eigene Sicht auf die Ereignisse um ihren Vater schildern würden und auf das, was allem vorausgegangen war.
Es ist noch gar nicht so lange her, da vermochte Pascal Mercier mit seinem Romanerstling "Perlmanns Schweigen" einen großen Durchbruch zu feiern. Neben der abenteuerlichen Konstruktion war die Kritik insbesondere von Merciers "kristalliner Eleganz" in seiner Sprachführung angetan. Auf den ersten Blick wirkt "Der Klavierstimmer" dagegen etwas einfach gestrickt. Getragen wird das Ganze von den zweimal sieben Heften, die abwechselnd Patrice und Patricia zu Wort kommen lassen. Dem Gestus nach also ein Briefroman - und dann doch weit mehr. Dank der von vorneherein auf eine letzte Begegnung setzenden Dynamik erlauben diese Hefte den geradezu voyeuristischen Einblick in geschickt miteinander korrespondierende Tagebücher und sind von daher weit intimer, als es die Konstruktion eines Briefromans zugelassen hätte. Und da Mercier seine beiden Autoren mit großer Intelligenz und Sensibilität ausgestattet hat, bedarf er auch keiner erläuternden Zwischentexte. Nur für die Volte auf den letzten drei Seiten des Buches mußte er ihre Erzählebenen verlassen und das Geschehen im Bistro von außen beschreiben.
Obwohl Zwillinge, zeichnen sich Patrice und Patricia durch unterschiedliche Temperamente aus. So würde Patricia ihre Geschichte am liebsten als eine Folge von Bildern vorführen, während sie über Patrice sagt: "Dein Bericht wird wortgewandter sein als der meine. Die Worte kommen dir schneller als mir, und es sind mehr Worte." Und von Anfang an setzt Mercier auf Plausibilität, denn er läßt nichts behaupten, was nicht über kurz oder lang seine innere Logik erfährt.
Die einzige Hürde dieses Romans könnten die ersten Seiten des ersten Kapitels beziehungsweise des ersten Heftes sein. Die Melodie von Patrices Wehklage über die Trennung von Patricia erinnert hier stark an Groschenromane der Herz-Schmerz-Kategorie, und man befürchtet schon die schlimmsten Abgründe. Nachdem das Skandalon der Inzestverbindung bereits zu Beginn beim Namen genannt wurde, zieht eigentlich nur noch der im Klappentext angekündigte Mord. Doch das ist nur der Eröffnungszug eines Schein-Sein-Spiels, das Mercier offenbar perfekt beherrscht. Spätestens Patricias Stimme im zweiten Kapitel bricht den scheinbaren Glattschliff des ersten wohltuend auf, und der Inzest als Phänomen rückt in den Hintergrund. Er wird mehr und mehr zum Sinnbild einer komplexen Familiengeschichte, die bei den Großeltern einsetzt und erst mit den Zwillingen überwindbar scheint. Die Dreh- und Angelpunkte verschieben sich immer wieder und knüpfen so gleich einem Weberschiffchen eine dichte Textur. Sind es erst die Zwillinge, ist es bald der Vater, ein bereits zu Lebzeiten legendärer Klavierstimmer, der jedoch weit lieber mit seinen Opernkompositionen erfolgreich wäre. Dann fällt der Blick unverhofft auf die Mutter und das Verhältnis zu ihren Eltern, dann wieder auf die Zwillinge als Kleinkinder mit ihrem Vater, und so weiter und so fort. Jede Geschichte erweist sich als Teilgeschichte der nachfolgenden, die, wie das Leben so spielt, auch noch manchmal mißverstanden wird und zuletzt tödlich endet.
Mit Santiago, Paris, Berlin und der ländlichen Schweiz als Herkunftsort des Klavierstimmers hat der offenkundig polyglotte Mercier auch ein an Handlungsorten spannungsreiches Viereck gezogen, das hierzulande nicht zuletzt durch seine treffenden und detailgenauen Beschreibungen von Berliner Straßenzügen bemerkenswert ist. Von der Atmosphäre Zehlendorfs bishin zum symbolträchtigen Kunst-am-Bau-Wandschmuck der Außenfassade am Moabiter Untersuchungsgefängnis läßt sich alles bei entsprechenden Spaziergängen wiederentdecken.
Die Hauptfaszination dürfte aber von den fesselnden Charakteren ausgehen, die sich bereits weit vor dem Ende dieses Romans jeder einfachen Zuordnung entziehen. In der Kunst traditionellen Erzählens formvollendet, breitet sich in ihnen ein Panorama von Sehnsüchten und Enttäuschungen aus, das weit über den Tellerrand blicken läßt und dem blinden Vertrauen auf den ersten Eindruck entgegenwirkt. Ein Erzählduktus, der dann auch stets aufs Neue mit seinen brandaktuellen Bezügen überrascht.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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