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Hope Mirrlees

Flucht ins Feenland

Roman. Aus dem Englischen von Hannes Riffel. Piper Verlag, München - Zürich 2003. 413 Seiten. 19,90 Euro. ISBN: 3-492-70019-5, >>> Amazon

Den Bürgern von Dorimare ist das benachbarte Feenland ein Dorn im Auge. Vor allem der immer häufiger eingeschmuggelten Feenfrüchte suchen sie sich zu erwehren. Denn wer davon kostet, unterliegt seltsamen Verwandlungen, angefangen von eigentümlichen Tagträumen bis hin zur lebensbedrohenden Selbstgefährdung. Und nun soll ausgerechnet der Sohn von Nathan Hahnenkamm, dem rechtschaffenen Bürgermeister der Hauptstadt Lud-in-den-Nebeln davon genascht haben
Das Nachwort von Michael Swanwick feiert "Flucht ins Feenland" und seine Autorin Hope Mirrlees (1887 - 1978) überschwänglich. 1926 zum ersten Mal erschienen, war er nach zwei nicht sonderlich gut aufgenommenen Romanen der erste und einzige "phantastische" Roman der Autorin - und obwohl sehr erfolgreich zugleich auch die letzte Romanveröffentlichung. Inwieweit ihr unvermutetes literarisches Aus mit dem Tod ihrer Wohnungs- und womöglich Lebenspartnerin Jane Harrison einherging, bleibt ungewiss. Zudem hatte es Mirrlees schlicht und ergreifend nicht nötig weiter zu schreiben, war sie doch von Haus sehr vermögend.
Weit mehr als über besagten Roman ereifert sich Swanwick über die umfänglichen Kontakte von Hope Mirrlees zu Literaturgranden wie Virginia Woolf, T.S. Eliot und vielen anderen mehr. Die Autorin zählte mithin zum "Bloomsbury"-Kreis und scheint mit "Flucht ins Feenland" auf viele Autoren phantastischer Romane Katalysatorwirkung gehabt zu haben. Mag sein - dieses auf englischen Volkssagen (s.a. Shakespeares Sommernachtstraum) beruhende Fantasy-Epos wird im Vorwort von Neil Gaiman so zusammengefasst: "Das Buch beginnt als Reisebericht oder als historischer Roman, wird zur Pastorale, einem Schwank, einer Gesellschaftskomödie, einer Geistergeschichte und dann zu einer Detektivgeschichte."
Gaiman wie Swanwick begeistert hier etwas, was bei anderen Autoren schon als ungeschlachter Mischmasch einer launischen Schreibhaltung abgetan wurde. So sind diese unterschiedlichen Ansätze ohne homogene Übergänge oder Anmutungen "gefunden" worden und z.B. auch die Verwandlung Nathan Hahnenkamms vom selbstzufriedenen Ignoranten zum besorgten Vater keineswegs überzeugend. Nicht, dass an diesem Buch kein gutes Haar zu lassen wäre - Mirrlees vermochte Situationskomik durchaus schwarzhumorig umzusetzen. Ihre hobbitschen Namensgebungen sind allerliebst, viele Absätze verlangen Bewunderung für die poetische Kraft des Ausdrucks ab, manche, ja viele ihrer Fantasyideen sind in ihrer Skurrilität für sich genommen überzeugend - außer der Sicht auf ihre fiktive Welt als Ganzes. Die erinnert an jene selbstverliebte Prinzessin, die einst ihrem Volk doch zu Kuchen riet, wenn das Brot alle sei
Aberwitzigerweise reiht Swanwick selbst noch viele Indizien für die um sich selbst kreisende Oberflächlichkeit dieser Autorin auf, tut aber so, als müssten sie nun gerade für dieses eine Buch nicht gelten. Dennoch wurde "Flucht ins Feenland" seinerzeit als avantgardistisch empfunden - und diese Empfindung und die daraus resultierende Auswirkung auf andere Autoren macht dieses Buch heute noch erwähnenswert und für professionelle Betrachter des Genres wohl zum Muss.
Gut möglich, dass das Original im angelsächsischen Sprachraum zudem noch weitere Erzählebenen offen legt. So "witzig" und brillant es auch in der Übersetzung zuweilen daherkommt, mit der keineswegs avantgarden, unvergoren bornierten Sicht z.B. auf das Bewahren von Herrenkaste und Dienerschaft versöhnt es jedenfalls nicht. Die genannten Epigonen dieser Autorin waren und sind allemal besser.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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