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Büchernachlese-Extra: SF/Fantasy nicht nur für die Jugend

Patrick Ness

New World - Die Flucht (Bd.1)

Roman. Aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis. Ravensburger Verlag, Ravensburg 2009. 540 Seiten. 16,95 EUR. Ab 14 Jahren. ISBN: 978-3-473-35299-9, >>> Amazon

Todd ist in der kleinen Kolonie Prentisstown das letzte Kind unter 146 Männern, doch in wenigen Wochen feiert er seinen dreizehnten Geburtstag und gilt dann ebenfalls als Mann. Die weiblichen Einwohner sind zehn Jahre zuvor allesamt gestorben - angeblich wegen der inzwischen nahezu ausgerotteten Spackle, den Ureinwohnern von New World. Diese Spackle sollen auch für den Gedankenlärm verantwortlich sein, den jeder vom anderen hören kann. Sogar die Gedanken der Tiere sind zu hören. Als Todd eines Tages im Sumpf auf einen unerklärlichen Ort der Stille trifft, packen seine Zieheltern Ben und Cillian seine Sachen und fordern ihn ohne weitere Erklärung zur Flucht auf. Doch die Verstörung darüber ist nichts im Vergleich zu den Schrecken, die Todd noch auf seiner Flucht erwarten.
Patrick Ness hat mit "Die Flucht" sein erstes Jugendbuch verfasst. Dem Sujet nach ist es eine Mischung aus Science Fiction und Wild-West-Pionier-Geschichte, in der ein gewissenloser Bürgermeister Heuchelei und Bigotterie schürt, um die Menschen als "verschworene Gemeinschaft" leichter lenken zu können. Die Folge ist ein schreckliches Geheimnis, dessentwegen die Einwohner von Prentisstown von allen umliegenden Ansiedlungen verflucht und ausgegrenzt worden sind. Todds einzige Chance, woanders Hilfe zu finden, ist seine Ahnungslosigkeit. So lernt er das Mädchen Viola kennen, das als einzige die Notlandung eines Kundschafterraumschiffs weiterer Erdflüchtlinge überlebt hat. Während sie seinen Gedankenlärm zu hören vermag, ist sie "still", bleiben ihre Gedanken Todd verborgen.
Die Metapher der mit ihren Gedanken lärmenden Männer im Gegensatz zu den vergleichsweise stillschweigend empathischen Frauen vermag auch heute noch sehr treffend die Zeit des Heranwachsens und, satirisch zugespitzt, auch die Konflikte zwischen Mann und Frau zu kennzeichnen. Todd und Viola müssen sich auf ihrer gemeinsamen Flucht annähern und zugleich voneinander abgrenzen und sich darüber hinaus mit Erkenntnissen über todbringende Schuld und lebensbejahende Verantwortung auseinandersetzen. Das erfährt zuweilen Unterstützung durch andere, wird aber kurz darauf stets von einer neuen bösen Überraschung konterkariert. Diese Mechanik sich steigernden Horrors erlaubt kein versöhnliches Ende, sondern lediglich einen die beiden jeder Hoffnung beraubenden "Cliffhanger" für den Folgeband. Da tröstet auch die am Ende gewonnene Erkenntnis Todds nur wenig, wonach seine "Feigheit" nicht zu töten, einen weit gesünderen Reflex darstellt als die nur allzu leicht zerstörerischen Problemlöser-Reflexe anderer Männer. Ein Seitenhieb auf den gerade erst abgelösten US-Präsidenten?
Spannend ist dieser bereits preisgekrönte Roman zweifellos - wie gut und schlüssig er über die Idee des Gedankenlärms hinaus ist, muss sich aber erst noch in seiner Fortsetzung erweisen.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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