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Emine Sevgi Özdamar

Die Brücke vom goldenen Horn

Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 1998, 333 S., ISBN: 3-462-02696-8, >>> Amazon

Anfang der 60er setzt sich ein 17-jährige in den Zug von Istanbul nach Berlin. Sie hat einen Einjahresvertrag und ist mit vielen anderen Frauen in einem Wohnheim, sprich 'Wonaym' untergebracht. Nach diesem Jahr lernt sie deutsch, vermittelt dann bei Siemens als Dolmetscherin zwischen Arbeitern und Werksleitung, um zwischendurch in Paris endlich vom "Diamanten" ihrer Jungfräulichkeit befreit zu werden. Die Ich-Erzählerin erlebt noch die ersten Höhepunkte der Studentenbewegung in Berlin, um alsbald entsprechend "politisiert" in die Türkei zurückzukehren. Der zweite Teil setzt im Jahre 1967 an. Die mittlerweile 23-jährige Frau wird auf der Schauspielschule von Istanbul aufgenommen und erlebt den Spagat zwischen Bohèmien und politischen Bewußtseins inmitten traditioneller Verengung. Doch nach und nach wird die Kommunistenhatz immer offensiver und brutaler. Es bricht die Zeit der Militärdiktatur samt Folter und Hinrichtungen an. Ende 1975 zieht es die Erzählerin wieder nach Berlin ...
DIE BRÜCKE VOM GOLDENEN HORN ist das neueste Werk der Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Emine Sevgi Özdamar. Es ist der nachlesbare Beweis, daß Autobiographien durchaus "literarisch" sein und neue Maßstäbe setzen können. Besticht im Berlin-Teil der besondere Blickwinkel aus dem "Wonaym" auf die Stadt jener Jahre, so erfährt er im zweiten Teil noch einmal eine Volte durch die oberflächliche Ähnlichkeit der durch Kontinente geteilten Stadt Istanbul. Der Autorin ist eine hinreißende Symbiose zwischen deutscher Sprache und türkischen Metaphern gelungen. Sie ermöglichte ihr eine geradezu traumwandlerische Genauigkeit in der Schilderung gefühlsbeladener Innenwelten, ohne je ins Sentimentale abzugleiten. Regelrechte Wort-Autopsien verschaffen einem über die Herkunftsunterschiede hinweg neue Klarheiten von der damaligen Zeit. Das geht natürlich nicht ohne Begabung zur Selbstironie. So heißt es z.B. von der Mutter zum Thema Überfluß: "Wenn wir verhungern, gibt es noch ein paar Verhungerte mehr. Wenn du nicht willst, iß nicht." Und darauf folgt: "Ich aß, aber mit bösen Blicken."
Sprachlich ein Genuß ist dieses Buch zugleich ein von der ersten bis zur letzten Seite fesselndes Zeitzeugnis, das gerade angesichts der halbherzig medienwirksam gewordenen "Kurdenproblematik" als Hintergrundinformation zu den Verhältnissen in der Türkei genutzt werden kann - und die Apo-Demonstranten in Deutschland wie harmlose Wandervögel wirken läßt.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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