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Reimar Oltmanns

Der Intrigant

Frankfurt, Eichborn Verlag, 1986, 184 S., ISBN: 3-8218-1121-8, >>> Amazon

Diagnose: Suchtkrank. Ursache: Politik - da bekommt mensch richtig Mitleid, was nur folgerichtig ist, denn wir, liebe Mitbürger/innen sind die Droge und reichen die Spritze, die nach Gebrauch ausgeschwitzt und weggeworfen werden. Der "Fall" H.G. (der Name Heiner Geißler ist uns allen bekannt) gehört nach Reimar Oltmanns zu einer der Spitzen des seelisch-moralischen Eisgebirges auf dem Bonner Hochplateau. Dafür benennt der Autor Zeugen, u.a. Walter Jens: "Seine Doktorarbeit (H.G's) würde heute jeder Friedensbibliothek zur Ehre gereichen - und zugleich verdeutlichen, wie ein Mensch moralisch und intellektuell auf den Hund kommen kann". Wer so argumentiert, dem geht es nicht um billige Kohlauer - bei diesem Thema allerdings selbst für nahezu neutrale Zitierer unvermeidlich - es geht um schlimmeres. H.G. war nicht immer 'Der Intrigant', der mal so nebenbei PR-schwanger von sich gibt, daß der Pazifismus nach Auschwitz geführt habe. Als Hinterbänkler plante er allen Ernstes ganz selbstlos die 'Daseinsfürsorge für alle'. Noch 1977 "eilte ihm selbst beim politischen Gegner eine respektable Reputation voraus.(..) Mehr als einmal fragte sich Willy Brandt bei der Lektüre Geißler'scher Reden, ob seine gesellschaftspolitischen Analysen, etwa über Umwelt und Wachstum, nicht auch von ErhardEppler hätten stammen können."
Obwohl der Autor vermutlich nicht die CDU wählt, ist Trauer zu spüren. Trauer darüber, daß der Machtmechanismus in Bonn so perfekt funktioniert und einen Mann wie Geißler in relativ kurzer Zeit so deformieren kann. Vielleicht hätte es noch deutlicher herausgearbeitet werden müssen, daß es sich bei dem ausführlich belegten Intrigenspiel innerhalb der CDU um ein - wenn auch markantes und plakatives - Beispiel handelt, das nicht als exotisches Blümchen in Raum und Zeit steht. Da zitiert Oltmanns aus dem Vortrag 'Der Beruf zur Politik' von Max Weber im Jahre 1919(!):Der Politiker ist "stets im Gefahr, sowohl zum Schauspieler zu werden, wie die Folgen seines Tuns leichtzunehmen und nur nach dem 'Eindruck' zu fragen, den er macht."
Allein schon deshalb lesenswert, weil uns Oltmanns mit der Beschreibung der banalen Wirklichkeit eines Politikers klarmacht, daß es für schwarzen Humor genügend Anlaß gibt. Aber schwarzer Humor ist auch nur eine Form der Verdrängung.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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