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Hans Ostwald

Berlin - Anfänge einer Großstadt

Szenen und Reportagen 1904-1908. Hrsg. von Thomas Böhm. Galiani Berln Verlag, Köln 2020. 413 Seiten. 28,00 Euro. ISBN: 978-3-86971-193-5, >>> Amazon

Zwischen 1904 und 1908 hat der Berliner Journalist und Buchautor Hans Ostwald (1873-1940) "Großstadt-Dokumente" in 50 bzw. 51 Bänden herausgegeben, von denen die ersten 20 nicht zuletzt die Unterschiede zwischen Berlin als "geschichtsloser Metropole aus der Retorte" und der traditionsbewussten Kulturstadt Wien (Bände 11-14, 16 und 17) dokumentieren sollten. Ihnen schlossen sich wegen des Erfolgs der Reihe noch 29 weitere über Berlin und dazu noch zwei über Hamburg an - darunter ein Band, der nach der 6. Auflage wegen vorgeblicher "Verbreitung pornographischer Schriften" aus dem Handel genommen werden musste und durch einen über "Berliner Lehrer" ersetzt wurde.
Ostwalds Anspruch war es, nicht wie sonst aus "Vergangenheiten", "staubigen Urkunden" und "alten Nachrichten" zu schöpfen, sondern "aus dem vollen Leben heraus ihren Extrakt zu geben" - nicht von ungefähr legte er in der Reihe selber fünf Bände mit Reportagen u.a. über "Dunkle Winkel in Berlin" vor.
Dank der Berliner Landes- und Zentralbibliothek sind die meisten Berlin-Bände im Originaldruck digitalisiert worden und kostenfrei über das Internet abrufbar - sie auf diesem Weg nachzulesen ist allerdings auch wegen der damals gebräuchlichen Frakturschrift nicht sehr komfortabel.
Insofern ist es dem vielfach mit Literatur befassten Thomas Böhm, der u.a. seit Längerem als Moderator für den rbb in der radioeins-Sendung "Die Literaturagenten" tätig ist, durchaus als Verdienst anzurechnen, nunmehr aus den 51 Bänden mit insgesamt knapp 5000 Seiten eine nahezu durchgängig lesenswerte Auswahl von gut 370 Seiten getroffen zu haben. Der Titel "Berlin - Anfänge einer Großstadt. Szenen und Reportagen 1904-1908" verdeutlicht neben der quantitativen auch schon eine grundsätzliche Beschränkung auf Texte über Berlin. In seinem sich über 35 Seiten erstreckenden Vorwort weist der Herausgeber die interessierte Leserschaft profund recherchiert in die Vor- und Wirkungsgeschichte dieser "Großstadt-Dokumente" ein und stellt dabei auch in groben Zügen die wechselhafte Biografie von Hans Ostwald vor. Zudem machte er in seiner Textauswahl deren ursprünglich erläuternde Fußnoten als solche kenntlich und fügte noch weitere für ein heutiges Textverständnis hinzu. Die nicht chronologisch den Bänden entnommenen Texte von 22 Autoren sind hier den vier Kapiteln "Der Sachkenner nimmt den Wissbegierigen an die Hand", "Orte modernsten Lebens", "Die sittlichen und sozialen Zustände" und "Eigenartige Persönlichkeiten" zugeordnet - die jedoch nur sehr bedingt eine programmatisch unterscheidbare Sortierung der Texte ergeben, da die meisten von ihnen auch jeweils zu mindestens zwei der anderen Kapitel gepasst hätten. Unter den in dieser Auswahl zu Worte kommenden Autoren dürfte der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld der nachhaltig bekannteste sein. Sein Buch "Das dritte Geschlecht" bildete den 3. Band der "Großstadt-Dokumente" und zählte zugleich zu den erfolgreichsten der Reihe.
Am besten, d.h. sehr berührend und nach wie vor verstörend sind jene Reportagen, die das erschreckend beengte Leben von Kindern samt ihren (Heim-)Arbeiten in den damaligen Berliner Hinterhöfen beschreiben. Neben dem zuweilen Schrillen in den Varietés und Nachtlokalen wird auch die Prostitution als ein Klassensystem durchdekliniert mit seinen Schattierungen in der "besten Gesellschaft" bis hin zum Straßenstrich. Zu den "Urningen", ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert für Homosexuelle beiderlei Geschlechts, schrieb auch Magnus Hirschfeld, um trotz vergleichsweiser Klarsicht in diesen Fragen dann allerdings auch in Abgrenzung dazu von "Normalsexuellen" zu schreiben. Darüber hinaus noch ein Potpourri verschiedener Themenfelder wie u.a. Sport und Wetten, Kaufhäuser und Banken, Beamte und entlassene Strafgefangene sowie glücklose Einbrecher samt "authentischen" Dialogen in ihrer Ganovensprache.
Neben Reportagen, für die Autoren wie Hans Ostwald z.B. auch eine Nacht im Obdachlosenheim verbracht haben, liest sich Manches wie eine mehr oder weniger fundierte populärwissenschaftliche Abhandlung oder auch nur wie eine Aneinanderreihung von Anekdoten. Der Neu-Herausgeber Thomas Böhm folgte bei der Anordnung der Texte dem Prinzip einer Wundertüte, was denn auch eine bunte Mischung mit sehr wechselnden Lektüreerlebnissen zur Folge hat und in der Summe durchaus unterhaltsam ist.
Ausgestattet als Hardcover mit Lesebändchen sowie insgesamt zehn seitengroßen Schwarzweiß-Fotos, bilden zudem die Vorsatzblätter auf ihren zwei Doppelseiten je einen zeitlich mit den Texten korrespondierenden Ausschnitt eines Berliner Stadtplans ab.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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