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Peggy Papp

Die Veränderung des Familiensystems

Sachbuch. Klett-Cotta, Stuttgart 1989, 280 S., ISBN: 3-608-95463-5, >>> Amazon

DIE VERÄNDERUNG DES FAMILIENSYSTEMS setzt zuallererst bei den Therapeuten und deren Ausgangshypothese für das Erarbeiten einer Problemlösung an. Ein Mensch, der "krankhafte" Symptome zeigt bzw. sich selbst oder/und von seinem Umfeld als außerhalb der "Norm" wahrgenommen wird, muß sich nach Alice Miller als Glied einer langen "traditionsreichen" Kette sehen, und dabei aber für seine Probleme alleine verantwortlich bleiben. (Immerhin diskutierte A.M. in ihrem letzten Buch DER GEMIEDENE SCHLÜSSEL die Frage der "Schuld" weniger unter dem Aspekt der moralischen als der ursächlichen Verantwortlichkeit.)
Die lineare Betrachtungsweise kann demnach zwar durchaus überraschende Rückschlüsse ermöglichen, aber dennoch reicht die Erkenntnis des Woher und Warum oft nicht aus, um zu einer grundlegend positiven Situationsveränderung beizutragen.
Die Familientherapie setzt mit einer systematischen Betrachtungsweise an: Die positive Veränderung einer verhaltensauffälligen Person wirkt auch auf die anderen Teilhaber eines Beziehungsgeflechtes. Es kann sich dabei herausstellen, daß den anderen das krankhafte Symptom von "Nutzen" war, und sie demzufolge eigentlich gar kein wirkliches Interesse an einer Änderung hatten. Sie werden dann alles daran setzen, wieder das alte homöostatische Gleichgewicht zu reaktivieren, was den therapierten wieder rückfällig werden läßt.
Die "Familientherapie" lädt deshalb soweit möglich die ganze Familie und evtl. sogar noch entfernte Verwandte oder Freunde zu den Sitzungen ein, um der Art und Wirkungsweise dieses Beziehungsgeflechtes auf die Spur zu kommen. Auch die Therapiemaßnahmen und Aufgabenstellungen richten sich nicht nur an die eine auffällige Person, sondern an alle. Nur so kann sich ein von allen Seiten getragenes, verändertes Gleichgewicht herstellen und stabilisieren.
Peggy Papp gehört zu einer Reihe namhafter KlinikerInnen, die aus den praktisch gewonnenen Erfahrungen Rückschlüsse für eine neue oder zumindest erweiterte Theorie zu diesem Problemfeld entwickelt haben. Entscheidend ist für sie der nachhaltige und schnell wirksame Erfolg einer Therapiemaßnahme. Zusammen mit ihren KollegInnen entwickelte P.P. einen offenbar sehr effizienten "Trick", einer Familie aus dem zäh verteidigtem Dilemma der Selbstzerstörung herauszuhelfen: Das Brief Therapy Project. Nach dem gegenseitigen Kennenlernen und einer daraus entwickelten Arbeits-und Zielhypothese benutzt P.P. gerade den schon bei Freud nachzulesenden präjorativen Widerstand, um das Dilemma überhaupt erst einmal sichtbar und daraufhin (be)handelbar zu machen. Das Ganze hat den Anschein eines nach taktischen Regeln geführten Drei-fronten-Gefechtes: Die zu Therapierenden werden dem Spannungsfeld widersprüchlicher Spiegelungen und Aufgabenstellungen ausgesetzt, um eine paradoxe Reaktion auszulösen. Ein (aus dem Zusammenhang gerissenes!) Beispiel hört sich dann auch dementsprechend abenteuerlich an:"Wenn sie sich verändern, müßte G. mit seinen Versuchen aufhören, die zerrüttete Familie wieder in Ordnung zu bringen. Durch sein schlechtes Benehmen hält er Sie ja alle in der altgewohnten Stellung: Die Mutter in der Stellung der Starken,(..), den Vater in der Stellung des Schwachen, der ihre Führung braucht, und S. in der Stellung des vernünftigen älteren Bruders. Das heißt also, jeder von ihnen müßte sehr vieles aufgeben. Deshalb glaubt die Gruppe, daß Sie, Herr Z., lieber weiterhin inkonsequent sein sollten, damit G. sich die 'Familie von früher' auch in Zukunft zusammenbasteln kann." (S. 145f.)
P.P. weist nach, daß sie u.a. mit dieser variationsreichen Methode erstaunliche Erfolge erzielen konnte, wo andere TherapeutInnen schon aufgegeben hatten. Allerdings - die Fallbeispiele aus dem, auf der Couch zu liegen, gewohnten USA sind nicht immer auf unsere Verhältnisse zu übertragen, und auch P.P. räumt in dem letzten Kapitel Mißerfolge ein, denn: "Niemals wird man alle Antworten wissen, und niemals kann man sich der Antworten wirklich sicher sein, von denen man glaubt, daß man sie besäße."
Diese Therapieform wird wohl kaum die tiefergehende Analyse ersetzen, aber sie ermöglicht sicher einen möglichen Einstieg, um die scheinbar unauflöslichen Dilemmas in einer Beziehung anzugehen und von da an Raum für weitere Maßnahmen zu ermöglichen. Ohne sperrige Fachworthülsen ist dieses Sachbuch verständlich aufgebaut und als Diskussionsgrundlage für jedermensch geeignet und zu empfehlen.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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