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Steven Pinker

Der Sprachinstinkt

Wie der Geist die Sprache bildet
Kindler Verlag, München 1996, 560 S., ISBN: 3-463-40267-X, >>> Amazon

WIESO KÖNNEN MENSCHEN SPRECHEN?
Bringen Eltern ihren Kindern das Sprechen bei? Hängt das Denken von der Fähigkeit Wörter zu bilden ab? Ist also das menschliche Gehirn bei der Geburt ein inhaltsleerer Fleischklops mit den Fähigkeiten einer universell verwendbaren Lernmaschine?
Steven Pinker leitet als Professor für Kognitionswissenschaft das Center for Cognitive Neuroscience am Massachusetts Institute of Technology (MIT), und er beantwortet all diese Fragen mit einem vielleicht überraschenden, nichtsdestotrotz plausiblen NEIN. Die Kognitionswissenschaft (= die Wissenschaft von der Intelligenz) ist noch eine relativ junge Fakultät, die sich von vornherein als interdisziplinär versteht. Sie versammelt unter anderem Teilgebiete wie experimentelle Psychologie, Linguistik, Informatik, Philosophie und Neurowissenschaft(siehe auch Howard Gardner:Dem Denken auf der Spur. Klett-Cotta Verlag. Stuttgart 1989.). Einer ihrer Gründungsväter ist der Linguist Noam Chomsky, der bereits vor Jahrzehnten die revolutionierende Grundlagenargumentation für die Instinkthaftigkeit der Sprache entwickelt hatte. Wenngleich Pinker ebenfalls das "Sozialwissenschaftliche Standardmodell" nicht ungeschoren läßt, wonach die menschliche Psyche nahezu ausschließlich von der sie umgebenden Kultur geformt wird, so hat er sich insofern von Chomsky gelöst, als er dessen zum Teil polarisierende Argumentationen auf eine breitere und damit versöhnlichere Ebene gestellt hat.
Wenn nun in Pinkers Buch vom "Sprachinstinkt" die Rede ist, meint das kein Kind chinesischer Herkunft, das bei seiner Geburt sozusagen (nur) chinesische Sprachgene mit auf die Welt bringt. Tatsächlich hängt der Erwerb der "Muttersprache" nicht von der Herkunft, sondern von der Umgebung des Kindes in seinen ersten Lebensjahren ab. Daß sich aber jedes Kind derart flexibel auf seine Umwelt einzustellen vermag, ist unter anderem mit seinem instinktiven Wissen um die Satzstellung eines Wortes als Subjekt(S), Objekt(O) oder Verb(V) begründet. Müßte es nämlich zu den einzelnen Wörtern auch noch die jeweilige grammatikalische Funktion und die daraus folgenden inhaltlichen Verschiebungen erlernen, würde ihm ein Menschenalter bei weitem nicht ausreichen - und zwischen "Der Hund beißt einen Mann" und "Der Mann beißt einen Hund" besteht immerhin ein weitreichender Unterschied. Das Grundprinzip der Grammatik ist uns Menschen demnach als ein "diskretes kombinatorisches System" von Geburt an mitgegeben, und nur dieses System erlaubt uns in der Regel eine geradezu explosionsartige Sprachentwicklung zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr. Deshalb ist es auch völlig egal, ob ein Kind mit der uns geläufigen SVO-Satzstellung aufwächst oder in Japan mit einer SOV-Satzstellung. So sehr die vier- bis sechstausend Sprachen auf unserem Planeten auch differieren, eines haben sie alle gemeinsam: Sie alle sind grammatikalischen Regeln bzw. einem Bauplan für Phrasenstrukturen unterworfen, die nach der Geburt von einem Kind nur noch "abgerufen" werden müssen. Aber damit es zu keinem Mißverständnis kommt, sei hier noch eines hervorgehoben: Die Aufgabe des "Sozialwissenschaftlichen Standardmodells" bedeutet für Pinker keineswegs den Rückgriff "auf eine so widerwärtige Doktrin" wie die vom "biologischen Determinismus". Auch wenn Menschen allesamt ähnliche Strukturen haben, so ist doch jede Person nicht nur "biochemisch gesehen einzigartig". Es geht Pinker dabei nicht um die reine Lust am Widerspruch, sondern um eine sinnfällige Weiterung unseres Horizonts wenn er ferner sagt: "So faszinierend genetische Unterschiede zwischen den Menschen auch für uns sein mögen, wenn es um Liebe, Biographien, Arbeitsleben, Klatsch und Politik geht, so unerheblich sind sie, wenn wir voller Bewunderung feststellen, was überhaupt die Intelligenz des Geistes ausmacht."
Kongenial von Martina Wiese ins Deutsche übertragen, begründet und belegt Pinker in dreizehn Kapiteln seine Thesen auf sachlich hohem Niveau und dennoch allgemeinverständlich - ein Kompliment, das man gern auch hiesigen Sach- und Fachbuchautoren öfter machen würde. En passent referiert er dabei die vergangenen Debatten und den aktuellen Diskussionsstand der Linguistik beziehungsweise der ihr angrenzenden Disziplinen innerhalb der Kognitionswissenschaft. Die vielen eindrücklichen Beispiele, gewürzt mit humorvollen und selbstironischen Anmerkungen, fesseln denn auch selbst den "nur interessierten Laien" bis zur letzten Seite.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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