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Neil Postman

Keine Götter mehr

Das Ende der Erziehung
Berlin Verlag, Berlin 1995, 247 S., ISBN: 3-8270-0170-6, >>> Amazon

Das Klima hat sich geändert. Der globale Raubbau natürlicher Resourcen bedeutet nicht zuletzt auch die Mißachtung nachfolgender Generationen. Die zunehmende Aussichtslosigkeit, die Welt intakt zu halten oder auch nur eine Leerstelle zu finden, ist mit akademischen Ja-Aber-Diskussionen nicht mehr zufrieden zu stellen. In den USA machen uns die "Kids" bereits jetzt vor, was wir demnächst wohl auch verstärkt in Europa zu erwarten haben: Wütende Überlebenskämpfe diverser Jugendbanden, die ganze Stadtteile in Angst und Schrecken versetzen.
Neil Postman hat jedoch noch immer nicht aufgegeben und sucht nach Auswegen. Er setzt dort an, wo nicht nur bei uns zuallererst eingespart wird: In den öffentlichen Schulen. Die Absicht seines Buches "KEINE GÖTTER MEHR - Das Ende der Erziehung" ist nicht nur, "Gründe anzuführen, die als Grundlage der Erziehung Sinn machen, sondern auch, eine ernste Diskussion über Gründe schlechthin anzustoßen." Die (mangelnde) finanzielle Ausstattung einer Schule zu beklagen, ist aber nur sekundär, solange nicht im gesellschaftlichen Konsens die Frage nach dem "Wofür soll eigentlich gelernt werden?" beantwortet wird. Für N.P. heißt das im Klartext: "Ohne einen transzendentalen Sinn wird die Schulerziehung, wie wir sie kennen, nicht überleben." Diesen fehlenden transzendentalen Sinn beschreibt Vaclav Havel als "eine Krise der Narrative". N.P. führt aus und zitiert dabei den tschechischen Präsidenten und Autoren: "Wir suchen nach neuen wissenschaftlichen Rezepten, neuen Ideologien, neuen Kontrollsystemen, neuen Institutionen ..." mit anderen Worten, nach neuen Göttern, die uns 'ein elementares Gerechtigkeitsgefühl, die Fähigkeit, Dinge mit den Augen der anderen zu sehen, ein Gefühl der transzendenten Verantwortung, archetypische Weisheit, guten Geschmack, Mut, Mitleid und Glauben' schenken können."
Ausgehend davon, daß die öffentliche Erziehung (gegenwärtige und zukünftige) Öffentlichkeit schafft, sieht N.P. den Verlust des autonomen Denkens zugunsten einer Anpassung an bürokratische Strukturen. Auch die sogenannten "effizienten" Technologien sollten daraufhin untersucht werden, inwieweit sie uns manipulieren und wir immer mehr "zu der Art Mensch (werden), die diese Technologie erfordert". Es sei doch schon jetzt offenkundig, daß der Imperativ ausschließlich ökonomisch "nützlicher" Lehrpläne viel zu begrenzt ist, um einer Gesellschaft wie dem Individuum einer solchen Gesellschaft langfristig sinnstiftende Perspektiven zu gewähren.
Bestechend für all jene, die in irgendeiner Form mit Erziehung befaßt und bereits am Resiginieren sind, dürften vor allem N.P.s pragmatische Lösungsansätze sein. So fordert er unter dem Stichwort "Raumschiff Erde", sich "Methoden einfallen zu lassen, wie wir die Schüler zur Verantwortung für die eigene Schule, ihr Viertel, ihre Stadt bewegen können."denn: "Wir können es uns nicht leisten, die Energie und den potentiellen Idealismus junger Menschen zu verschwenden.
Ohne Frage sind Antriebslosigkeit, Langeweile und Gewalt in der Schule auf die Tatsache zurückzuführen, daß die Schüler keine sinnvolle Rolle in der Gesellschaft erfüllen."
Auch wenn sein Modellfall eines nicht von der Müllabfuhr versorgten Stadtteils auf US-amerikanische Verhältnisse zielt, wäre davon einiges übertragbar oder zumindest diskutabel, sogar seine daraus abgeleitete Diskussion über "gesunden Patriotismus". Oder jeder Lehrer sollte ein ihm fremdes Fach unterrichten, dann "könnte er die Schüler besser verstehen, sähe den Unterricht wahrscheinlich eher wie ein neuer Lernender denn wie ein alter Lehrer." Auch sollte man Irrtümer bewußt in den Unterricht einbauen bzw. die Schüler herausfordern, darauf zu achten, ob auch unbewußte Irrtümer verbreitet wurden. "Gegenwärtig gibt es im Unterricht wenig Toleranz für Irrtümer. Das ist einer der Gründe, warum Schüler schummeln. Es ist auch einer der Gründe, warum Schüler nervös ..und aggressiv ..und bemüht sind, das zu rechtfertigen, was sie angeblich wissen." Dagegen: "Wann immer Differenz zugelassen wird, entsteht daraus Wachstum und Stärke." denn: "Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Selbstdisziplin, Gleichheit und das Recht der Mehrheit bei Achtung der Minderheiten (..) sind im Grunde keine 'Werte', sondern Brennpunkte einer großen und andauernden amerikanischen Debatte über die Bedeutung dieser vagen Begriffe."
Die Schwächen dieses Buches sind weniger die USA-zentrische Sichtweise, denn die Verengung auf Schüler der Sekundarstufe bzw. seine fehlende Analyse des erzieherischen "Unterbaus". Manches wäre dann wohl auch nicht so plakativ zu formulieren gewesen. Ausgehend von einem vertrauten, ja durchaus konservativen Werte-Kanon weicht er u.a. auch der Frage aus, wer z.B. für Herkunftswissen und spirituelle Hygiene zuständig sein könnte. Dabei dürfte die Vernachlässigung dieser Auseinandersetzung mit ein Grund für den sich ausbreitenden und auch von N.P. beklagten rigorosen "Konsumismus" sein.
Dennoch: Gerade in den ersten zwei Dritteln gelangen N.P. "bewegende" Überlegungen, die schon jetzt von internationaler Bedeutung sind.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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