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Iva Procházková

Mittwoch schmeckt gut

Erzählung ab 8 Jahre. Thienemann, Stuttgart 1991, 151 S., ISBN: 3-522-16700-7, >>> Amazon

MITTWOCH SCHMECKT GUT ist ein melancholisches Buch für Kinder. Die Melancholie erwächst aus dem Sujet, das die Sehnsüchte von elternlosen, in Heimen lebenden Kindern schildert. Wenn so etwas dann trotzdem auch schon 8-jährigen anzumuten ist, dann deshalb, weil Iva Procházková ihrer mit jedem Satz spürbaren Liebe zum genau erfaßten Detail wundervoll phantastische Ideen entgegensetzt. Das Grausame und Brutale des Alleingelassenwordenseins von Kindern, selbst oder gerade wenn sie in unseren Heimen perfekt "versorgt" werden, will die Autorin damit keineswegs "verniedlichen", sondern sie setzt ironisierend witzige Zeichen des Widerstandes. Iva Prochátzková ist gebürtige Pragerin.
In der Titelgeschichte wachsen dem Findelkind Katja Äpfel auf dem Kopf. Wer von diesen Äpfeln ißt, fühlt sich wohl, allein die Anwesenheit Katjas reicht schon aus, daß aus nervösen Menschen ruhige und gelassene werden. Erst als das Heim einen neuen, sehr auf Korrektheit bedachten Leiter vertretungsweise erhält, hört das Wachstum der Äpfel nach und nach auf, und zuletzt verschwindet auch Katja. Zum Glück erscheint die alte Leiterin bald wieder, und so nimmt das Leben im Heim SONNENBLUME wieder seinen unwiderstehlich anarchisch-fröhlichen Lauf.
Überwiegt in dieser Geschichte noch das Heitere so muß Oskar in SIEBZEHNTAUSENDSIEBENUNDSIEBZIG SILBERNE STERNE erst den Tod seiner Mutter, dann den Verlust seiner liebgewonnenen, aber nach Meinung der Ämter zu alten Pflegemutter hinnehmen. Im Kinderheim denkt er nur an eins, und zwar wie er zurück zu seiner Frau Rosemarie kann. Er wünscht sich dann, ein Hund zu sein. Oskar wird zum Dackel und muß erst viele Abenteuer überstehen, bis er endlich an seinem Ziel angelangt ist. Beide haben sich sehr verändert, und Frau Rosemarie erkennt ihn nicht, aber darauf kommt es gar nicht an.
"Das einzige, worauf es ankam, war, daß sie sich gefunden hatten. Daß nicht jeder für sich alleine sein würde. Daß sie niemals jemand voneinander trennen würde."
Die Implikationen des Gedankengangs, daß ein Kind erst zum Hund werden muß, um seine Wünsche erfüllt zu sehen, sollen sich zur leisen Satire befähigte Erwachsene selbst erschließen.
Dennoch, auch wenn dieses Buch reizend aufgemacht und von Karin Lechler liebevoll illustriert wurde, auch wenn die Sätze wie glänzende Perlen aneinandergereiht sind und immer wieder der Humor des Lebenstüchtigen aufblitzt: Es ist kein einfaches Buch - weder für Kinder noch für Erwachsene - es ist einfach wunderbar.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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