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Jonathan Rauch

Das Ausnahmeland

Japan zwischen Seele und Markt.
H.G. Holl (Ue.), Stuttgart, Klett-Cotta, 1993, 215 S., ISBN: 3-608-91630-X, >>> Amazon

Neuerdings wird uns Japan von entsprechend "berufener" Seite als bedrohliche Wirtschaftsmacht vorgehalten, die ihre Macht wiederum durch geradezu paradisische Bedingungen für Unternehmer entwickeln konnte: Niedrige Arbeitslöhne bei höheren Arbeitszeiten, unbedingte Loyalität zur Firma usw.usf..
Dieses AUSNAHMELAND, das angeblich so ganz anders als die anderen Länder ist, versuchte nun der Amerikaner Jonathan Rauch während eines halbjährigen Aufenthaltes näher kennenzulernen. Eingedenk der Parabel von den drei blinden Weisen, die einen Elefanten betasteten und zu drei verschiedenen Ergebnissen kamen, weil der eine lediglich den Rüssel, der zweite ein Bein und der dritte den Schwanz untersuchte, stellte Rauch von Anfang an klar, daß das Befremden über die Andersartigkeit Japans auf keiner anderen Grundlage beruht als das Befremden über jedes x-beliebige Fremde: Es ist immer nur der Betrachter, der falsche Schlüsse zieht oder ein Land wie Japan zu einem besonders undurchschaubaren Mysterium erklärt.
Bei einem amerikanischen Betrachter ist natürlich auch das Trauma des Krieges (Pearl Harbour) zwischen diesen beiden Ländern nicht zu vernachlässigen. Dank seiner ausgeprägten Gabe zur Selbstironie und dem Eingestehen des üblichen Fehlerkatalogs, den Uneingeweihte offenbar zwangsläufig abhaken müssen, gelingen Rauch jedoch ganz überraschende und bedenkenswerte Erkenntnisse, indem er z.B. Übereinstimmungen zwischen den traditionellen Werten Japans und Platons Politeia konstatiert und auch das Wirtschaftsgebaren der Japaner westlichen Entwicklungen zuzuordnen vermag - was so fremd erscheint, gab und gibt es bei uns also auch. Andererseits wäre nach Rauch tatsächlich ein wechselseitiger Austausch zwischen Amerika und Japan vonnöten, der beiden Ökonomien wichtige Impulse geben könnte: Amerikas Wettbewerbs-Auslese kombiniert mit Japans Perfektionsanspruch wäre demnach ein Segen für die ganze Menschheit.
DAS AUSNAHMELAND ist ein brillant mit Biß und hintergründigem Humor vorgetragener Essay, der einem nicht nur Japan näherbringt, sondern auch noch eine selbstkritische Analyse amerikanischer Sichtweisen überliefert. Last, but not least besticht Rauchs sehr anschaulich dargelegte und universal gültige Erkenntnis, daß nichts so anders ist, wie das Andere.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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