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Rio Reiser

König von Deutschland

Biographie. Kiepenheuer & Witsch Verlag (KiWi), Köln 1997, 306 S., ISBN: 3-462-02589-9, >>> Amazon

Gerade mal 46 Jahre alt geworden, ist im August letzten Jahres Rio Reiser gestorben. Im Berliner Tempodrom-Zelt gab es dann eine große Benefizveranstaltung, bei der ihn die nationalen Pop- und Rockgrößen mit seinen Liedern verabschiedeten. Aber ob sein Leben und Werk wie kürzlich das von Roy Black dereinst als Vorlage für einen Film dienen wird, bleibt mehr als fraglich. Vielleicht ist das auch gut so. Verlogenheit war seine Sache nicht. Wer ihm wirklich auf die Spur kommen will, wer das Spektrum seines Schaffens vom politischen Hau-ruck-Rock à la "Macht kaputt, was euch kaputt macht" mit "Ton Steine Scherben" bishin zu seinen vergleichsweise wortgewichtigeren, ironisch-poetischen Solo-LPs nachvollziehen will, dem sei seine nunmehr auch als Taschenbuch vorliegende Autobiographie empfohlen.
Inwiefern er sich darin von seinem Co-Autoren Hannes Eyber unterstützen lassen mußte, wird nicht deutlich. Das Ganze ist aus einem Guß und in einem schnörkellosen Ton erzählt, daß man Rio selbst sprechen zu hören meint. Und sich, insbesondere je näher man ihm dem Alter nach nahesteht, vor Lachen auf die Schenkel oder an den Kopf schlägt.
Rio ist zwar im Trümmer-Nachkriegs-Berlin geboren, aber es sind dann nur einige Jahre, die er in dieser Stadt "wirken" wird. Davor sind es die wechselnden Arbeitsplätze seines Vaters, die ihn nach Bayern und Hessen verschlagen. Danach ist es seine eigene Unruhe, die ihn ins norddeutsche Fresenhagen treibt. Rios Geschichte spiegelt ein wesentliches Stück "linker" Zeitgeschichte. Und zwar aus der Sicht eines Menschen, der den Ausstieg aus konventionellem Leben nicht erst lange theoretisch und womöglich gar dogmatisch erörterte, sondern ihn einfach und scheinbar ganz "natürlich" vollzog. Das gemeinsame Leben mit den rotierenden Teilhabern wechselnder Theater- und Musikprojekte, das Miteinanderteilen von Erfolgen und Mißerfolgen bildeten alsbald ein chaotisches Ganzes. Trotz "solidarischer" Selbstausbeutung und Schuldenberg schien hierbei das Glücksgefühl zu überwiegen. Da Rio vorwiegend seine Kindheit und die Zeit mit "Scherbens" bis in die 70er Jahre schildert, die Zeit danach aber nur auf wenigen Seiten anklingen läßt, hat dieses Buch den Charme all solcher Bücher, die auf die "ersten Jahre" zurückblicken.
Das ist stets sehr komisch und ein bißchen wehmütig, weil unwiderbringlich vorbei, und man staunt, wie diese Jugendzeiten überlebt wurden. Rio scheint sich jedoch länger als viele andere jene Authentizität bewahrt zu haben, die man eben sonst nur noch bei Kindern und Jugendlichen findet. Leider hat er sich offenbar auch den jugendlichen Umgang mit Drogen bis an sein Lebensende bewahrt. Insofern war es wahrscheinlich gar kein so großer Zufall, daß man ihn bereits 1993 um eine Autobiographie anging. Sicher kein verehrungswürdiger, aber umso mehr ein liebenswerter KÖNIG VON DEUTSCHLAND, dem wir noch gerne länger zugehört hätten.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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