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Joachim Riedl

Leere Räume, laute Stimmen

Reportagen und Bilder aus den USA
Kindler, München 1994, 239 S., ISBN: 3-463-40239-4, >>> Amazon

Joachim Riedl war 15 Jahre lang Korrespondent in den USA. Mit LEERE RÄUME, LAUTE STIMMEN legt er nun eine Quintessenz seiner Tätigkeit vor, die kaum jemanden kalt lassen wird. Aber der Reihe nach. Ausgestattet mit Kunstdruckpapier und dem Großformat eines Bildbandes wäre man versucht, das Buch nach dem ersten Blättern gleich wieder beseite zu legen. Das, was da in seiner tristen Alltäglichkeit oft nur in schwarz/weiß und als Ausschnitt abgelichtet ist, könnte zu 90% auch auf irgendein anderes, allerdings ziemlich verarmtes Land passen. Das sollen die USA sein? Wenn einer über die Welt schreiben will, muß er das schildern, was er sieht, und Riedl war offenkundig lang genug vor Ort, um den Lack des Gegenstandes seiner Betrachtungen abzukratzen.
Seine in 7 Kapiteln zusammengefaßten Reportagen beginnen mit dem Zusammentragen urspünglicher Intentionen und Philosophien jenes Amerika, das noch Mitte dieses Jahrhunderts für viele als "das gelobte Land" oder "das Land der unbegrenzten Möglichkeiten" apostrophiert wurde. Vom "moon of Alabama" geht es dann nach Los Angeles. Als Co-Pilot eines Helikopter-Polizisten leuchtet er die Unruheherde dieser Metropole aus, deren Explosionskräfte erst vor kurzem weltweit bekannt wurden. Dem folgen wiederum essayistische Glanzlichter über die US-amerikanischen Katakomben des Todes in Texas und Memphis. Hier der Irrwitz menschlichen "Gerechtigkeitssinns" in den Todeszellen, dort der Totenkult um Elvis Presley, dem Riedl eine Rückblende auf das uralte Memphis in Ägypten gegenüberstellt. Wortkaskaden, die zugleich Phil Marlowe und Lichtenberg entsprudelt sein könnten und eben deswegen die authentischen Zitate ins grelle, rechte Licht rücken.
Die letzten drei Kapitel sind New York gewidmet. An zwei hypertrophen Beispielen des Kunstbusiness, Andy Warhol und Tom Wolfe, hat die Divergenz zwischen Schein und Sein eine noch geradezu "heitere", groteske Notation, während zuletzt der "show down" auf die New Yorker Elendsviertel gelenkt wird. Beim Lesen erhalten die eingestreuten Fotos nun (s. T.Wolfe) die Ausdruckskraft messerscharf gespitzter Ausrufungszeichen, die sich einem in aller Stille ins Herz bohren. Denn die Häme eines "hab' ich doch schon immer gewußt" vergeht einem bei der eigenen innenpolitischen Nachrichtenlage, wonach die USA immer noch als Vorbild gehandelt wird ...
LEERE RÄUME, LAUTE STIMMEN von Joachim Riedl dürfte eines der aufregendsten Bücher des Jahres sein!

Buechernachlese © Ulrich Karger


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