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Büchernachlese-Extra: Salman Rushdie

Salman Rushdie

Des Mauren letzter Seufzer

Roman. Kindler Verlag, München 1996, 583 S., ISBN: 3-463-40218-1, >>> Amazon

DES MAUREN LETZTER SEUFZER beginnt mit einem Sippenkrieg in einem südindischen Dorf am Anfang dieses Jahrhunderts und endet mit einem gigantischen Blutbad im Bombay dieser Tage. Vielleicht beginnt aber auch alles schon viel früher, denn der Held dieses Epos ist mütterlicherseits eventuell ein Abkömmling Vasco da Gamas und schreibt dort alles nieder, wo es mit dem Urahnen seinen Anfang genommen hat: Im tiefsten Andalusien. Moraes Zogoiby, dessen Nachname hebräiischen Ursprungs ist und soviel wie "der Glücklose" bedeutet, entstammt einer Familie, in der sich vor allem die Frauen durch zähe Geschäftstüchtigkeit, unbändige Kreativität und noch unbändigere Streitsucht auszeichnen. Die Grundlage ihres Reichstums bildet der Gewürzhandel und eine hitzige Ich-Bezogenheit, die ihresgleichen sucht. Moraes bzw. schlicht "Mohr" ist von Kindesbeinen an einem Almagan an sich widersprechenden Temperamenten und hinterhältigen Niederträchtigkeiten ausgesetzt, so daß seine physische Behinderung, nämlich eine verkrüppelte Rechte, nur noch das Tüpfelchen auf dem "i" setzt, wäre da nicht noch ein anderes Phänomen: Im Gegensatz zu dem sich selbst bestimmend auf drei Jahre eichenden und blechtrommelnden Oskar Matzerath eines Günter Grass muß Mohr sein Leben in doppelter Geschwindigkeit durchlaufen. Schon nach 4 ½ Monaten Schwangerschaft in die Welt gesetzt, hat er mit zehn den Körper eines 20-jährigen und bei Niederlegung seiner Erinnerungen als 36-jähriger den ausgelaugten Organismus eines 72-jährigen. Hinzu kommt, daß auch ein Normalsterblicher nach Durchleiden der verheerenden Erlebnisse Mohrs vorzeitig gealtert wäre ...
Dieser neue Roman von Salman Rushdie ist in seiner Vielschichtigkeit kaum noch zu überbieten: Märchenhafte Traumwandeleien, beißend satirische Gesellschaftskritik und theologisch-philosophische Erörterungen füllen den Rahmen einer das TV-Dallas in seinem kriminellen Intrigenreichtum weit in den Schatten stellenden Familiensaga aus. Seine Erfindungsgabe, die jeweils schlimmste Annahme über die Gegenspieler Mohrs zu übertreffen, kulminiert zuletzt in einer Liebeserklärung an die Unvollkommenheit des Menschen und zugleich in der Mahnung, einem allzu naiven Weltbild lieber gestern denn erst heute abzuschwören. Den entlarvenden Zynismus, mit dem allen Religiösen in seinen unterschiedlichsten Ausformungen das Daseinsrecht abgesprochen wird, überbietet Rushdie mit zarten sehnsuchtsvollen Sentenzen, die jedweder Resignation Paroli bieten. All diese Paradoxa aber aufzulösen, überläßt er der Leserschaft und hält damit den Spannungsbogen bis zuletzt am Vibrieren.

Eine Reportage und weitere Besprechungen zu Werken von Salman Rushdie siehe:
Büchernachlese-Extra: Salman Rushdie

Buechernachlese © Ulrich Karger


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