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Doris & Dieter Schiller

Bodensee

Literarische Erkundungen
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1996, 196 S., ISBN: 3-608-93393-X, >>> Amazon

Jutta Stössinger

Badeleben

Literarischer Reisebegleiter von Wismar bis Danzig
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1996, 173S., ISBN: 3-608-91776-4, >>> Amazon

Also ehrlich gesagt, Reisebeschreibungen waren bisher nicht mein Fall. Was aber, wenn den beschriebenen Reisezielen weniger Geschichte denn Geschichten anhaften?
Die "Literarischen Erkundungen rund um das Schwäbische Meer" von Doris und Dieter Schiller sind nun zwar überarbeitet, die Texte insgesamt gestrafft und um einige jüngere zeitgenössische Autoren ergänzt worden, dennoch vermittelt dieses Buch nicht mehr als den heimatkundlichen Stolz, daß hehre Geister wie "die" Droste, Eduard Mörike und Notker der Stammler dereinst ihre Zelte, Häuser oder Schlösser am Bodensee aufgeschlagen und das Umfeld des Gewässers in ihren Werken erwähnt haben. Und wenn darin ein Ernst Jünger zum Beinahe-Widerständler erklärt wird, ist mir das wieder zuwenig Heimatkunde.

Aber der Verlag hat diese Scharte nun ausgewetzt.

"Badeleben" heißt der "Literarische Reisebegleiter von Wismar bis Danzig", den Jutta Stössinger unter Mitarbeit von Heiner Maier verfaßt hat.
Ihre Autorenliste nimmt sich wie das Who's Who nationaler und internationaler Größen dieses Jahrhunderts aus: Alfred Andersch, Hans Fallada, Maxim Gorki, Günter Grass, Ricarda Huch, Franz Kafka bishin zu Christa Wolf und Carl Zuckmayer sahen sich in ihren Notizen oder Anmerkungen weniger als mit Ehrfurcht zu behandelnde Ikonen, denn als von den Zeitläuften bewegte Zeugen, die sich der trügerischen Ruhe am Ostseestrand niemals wirklich sicher waren - Gerhart Hauptmann und der eifersüchtige Thomas Mann einmal vielleicht ausgenommen.
All diese Zeugenschaften korrespondieren nun mit den erfrischend subjektiven, weil im Grunde unvoreingenommenen Eindrücken von Jutta Stössinger, die dann auch schon einmal erst vor Ort erfährt, daß Alfred Anderschs Schilderungen von Rerik in seinem "Sansibar" nur sehr wenig mit dem gleichnamigen Ort an der Ostsee zu tun hat. Und selbst dieser Irrtum wird bei ihr zu einem Erlebnis, das man gerne nachvollzieht, erinnert es doch frappant an das eigene Erwachen nach dem Zuklappen eines fesselnden Buches. Zudem läßt sie auch die jeweils dort lebenden Menschen zu Wort kommen, seien es nun Rentner oder solche, die demnächst einem Forschungsauftrag in den USA nachgehen.
So gelangen ihr wunderbare Momentaufnahmen aus dem Jahre fünf nach der Wende Deutschlands und Polens, die der gegenwärtigen Ambivalenz von Verfall und Erneuerung keineswegs weinerlich Tribut zollen. Nicht zuletzt auch dank ihrer eigenen einfühlsamen und variationsreichen Sprache dürfte dieses Buch vom häufigen Gebrauch bald von Eselsohren gezeichnet sein. Und man bekommt nach dieser Lektüre Lust:
Lust, diese Strände möglichst noch dieses Jahr aufzusuchen, bevor sie im alleuropäiischenn Fußgängerzonenlook neu auferstehen und Lust, den einen oder anderen Autoren noch einmal nachzulesen oder neu zu entdecken.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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