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Richard Schröder

Vom Gebrauch der Freiheit

Gedanken über Deutschland nach der Vereinigung
DVA Verlag, Stuttgart 1996. 265 S., ISBN 3-421-05034-1, >>> Amazon

Richard Schröder geht es in seiner Aufsatzsammlung um die Überwindung der Fremdheit zwischen Ost- und Westdeutschen, aber auch um allgemeingültig Grundsätzliches. Ein weites Feld, das mit den bereits abgedruckten Zeitungsartikeln und (beinahe) gehaltenen Reden aus den Jahren 1990 bis 1995 nur schwerlich auszufüllen ist.
Die "Fragen nach der Vereinigung" beantwortet Schröder zuerst mit einer Erörterung der Demonstrations-Losungen im November '89, um alsbald die Begriffe "Volk" und "Nation" am Beispiel Deutschland einer historischen Untersuchung zu unterziehen. Den "Wessis" wird verdeutlicht, daß den Bürgern der DDR die Diktatur von Sowjet-Rußlands Gnaden nicht angelastet werden kann und den "Ossis", daß der Westen nach der Vereinigung nicht per se schuld am Verlust der Arbeitsplätze sei. Weiter heißt es bei ihm: "Wir sollten die deutsche Nation (..) von den Aufgaben her bestimmen, die nur wir Deutschen und wir Deutschen nur gemeinsam lösen können, eben unsere gemeinsame Angelegenheit, lateinisch: res publica. (..) Jede Nation ist eine Haftungsgemeinschaft und sollte mehr nicht sein wollen." Neben einer Vielzahl ärgerlicher Redundanzen finden sich in diesem Kapitel pragmatische Lösungsansätze in Sachen Eigentumsregelung, klare Worte zu den Möglichkeiten der Justiz eines Rechtsstaates ("Strafprozeß als fürsorglicher Therapieersatz? Nein danke!"), provokative Erkenntnisse wie: "Die DDR-Diktaur ist vergleichbar" aber auch eine Entgleisung wie diese, als Schröder sich für die Verjährung von "Stasiverwicklungen" ausspricht: "Obwohl Vergleiche gerade hier besonders hinken, kommt mir doch manchmal in den Sinn, daß mancher westliche Student um 1968 an strafbaren Handlungen beteiligt oder einer Gruppierung mit bedenklicher Zielsetzung angehört hat, ohne daß ihm das heute noch zugerechnet wird." Ganz abgesehen davon, daß diese Studenten in außerparlamentarischer Opposition nicht nur zur Regierung, sondern zur ganzen bieder-bürgerlichen Gesellschaft der BRD standen, hatten sie noch Jahre danach mit Berufsverboten zu kämpfen.
Im zweiten Kapitel hält Schröder "Rückblicke auf die DDR". Die gelingen ihm sehr prägnant, Fakten und (selbst-)kritische Kommentierung sind sauber voneinander geschieden. Er geißelt darin die sogenannten "historischen Notwendigkeiten" und die DDR spezifische "Wohltätigkeit". Schröder schlußfolgert: "Wir haben zuletzt in zwielichtigen, nicht in schwarzen Zeiten gelebt. Und danach muß auch unser Handeln beurteilt werden, nämlich kritisch, aber wohlwollend. Es war eine Krankheit der Kommunisten, nur Schwarz und Weiß zu sehen." Das meint ferner: "Aber auch sie, die Täter, können noch erwarten, daß wir nachvollziehen, wie sie in diese Lage gekommen sind." So weist er darauf hin, daß zuletzt die offiziellen Stasi-Mitarbeiter in der zweiten Generation dienten, also bereits eine "Familientradition" auf dem Weg zur "Stasi-Sozialisation" im Gepäck hatten. Sehr bemerkenswert sind desweiteren die Beiträge zum Bruch der großen Koalition der letzten DDR-Regierung, die Schröder um eine nicht gehaltene Rede vor der Volkskammer erweitert hat, sowie seine Auseinandersetzung um die Kirche in der DDR. Was die Kirche betrifft, spitzt er wohl sehr richtig zu: "Erst als Mutter der Revolution gefeiert, was zuviel der Ehre war, wird sie nun als Stütze des Systems verdächtigt, was zweifelos zuviel der Schande ist." Zu Stolpe allerdings vermeidet er in diesem Zusammenhang jede präzisere Erklärung.
Im letzten Kapitel hebt Schröder in akademische Sphären ab. Zuerst stellt er den Satz von Paulus: "Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles nützt" den Zitaten von Saint-Just, Kant und Nietzsche gegenüber. Hiervon leitet sich dann auch der Buchtitel "Vom Gebrauch der Freiheit"ab. Die anschließenden Artikel untersuchen Begriffe wie "Würde", "Widerstand", "gerechter Krieg" und "Gott" (in der Verfassung), um sich nach der 11. Feuerbachthese von Karl Marx als Letztes über die Versuche inklusiver Sprache auszulassen, die ja unter anderem mit dem angehängten "-Innen" bei Berufsbezeichnungen den (zumeist männlichen) Ästhetikern Kopfschmerzen bereitet.
Was ihre Brillanz und Strukturiertheit angeht, halten nur wenige Beiträge Schröders einem Vergleich mit den Artikeln und Reden eines Schorlemmer oder eines von Weizsäcker stand. Das wäre zu vernachlässigen, zeichnen sich doch die Inhalte seiner Auseinandersetzungen durch hohe Brisanz und Redlichkeit aus. Aber was hat den Verlag und den Autoren nur geritten, ein derartiges Sammelsurium in ein einziges Buch zu pressen? Das kleine Vorwort am Anfang läßt weder eine lektorale Überarbeitung noch eine ausführlichere Kommentierung vermissen. Schade - es hätten drei mitreißende Bücher sein können, nein: müssen!

Buechernachlese © Ulrich Karger


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