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Otto Seydel

Zum Lernen herausfordern

Das reformpädagogische Modell Salem
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1995, 256 S., ISBN 3-608-91235-5, >>> Amazon

Gerade in einer Zeit, in der Einsparmaßnahmen insbesondere in den schon bedenklich abgespeckten Bereichen Bildung, Medizin und Soziales von den sogenannten Zwei-Drittel-Mehrheiten zur höchsten Tugend erklärt werden, ist es erstaunlich, daß der Elan der von diesen Einsparmaßnahmen Betroffenen nicht weit mehr nachläßt. So will Otto Seydel nach wie vor "Zum Lernen herausfordern", und bezieht sich dabei auf seine Erfahrungen als Lehrer und nunmehriger Leiter der Unterstufe innerhalb des reformpädagogischen Modells Salem. Die Schule Schloß Salem wurde 1920 von Kurt Hahn, seines Zeichen Privatsekretär des Prinzen Max von Baden in einem ehemaligen Zisterzienserkloster, 15 Kilometer vom Bodensee entfernt, begründet. Das Konzept dieser inzwischen klassenstufenweise auf drei Standorte verteilten Internatsschule war zum einen durch die reformpädagogische Landerziehungsheimbewegung (Hermann Lietz, Paul Geheeb u.a.), vor allem aber auch durch die englischen Internatstraditionen beeinflußt.
Nach 1945 "gezwungen" sich um staatliche Anerkennung zu bemühen, ist die Schule heute ein Gymnasium, das neben dem Abitur in einem englischsprachigen Zweig zudem das Erlangen des "International Baccalaureate" ermöglicht. Ein Drittel der Schüler setzt sich mittlerweile auch aus (Leistungs-)Stipendiaten zusammen, denen das Schulgeld teilweise oder ganz erlassen wird; externe Schüler sind aber nach wie vor die Ausnahme. Koedukation gab es von Anfang an, die Anzahl von Mädchen und Jungen halten sich z.Zt. in etwa die Waage. Die Schüler leben in "Mentoraten" zusammen, betreut jeweils von einem Lehrer, der mit einem Teil seines Deputates für diese Aufgabe freigestellt ist. Lehrer und Erzieher wohnen ebenfalls samt ihren Familien innerhalb des Internates. In der Unterstufe umfassen die Mentorate in der Regel nur 10 bis 14, in den anderen Stufen 15 bis 20 Schülerinnen bzw. Schüler. Das außerschulische Angebot Salems ähnelt dem anderer Landerziehungsheime. Hervorzuheben sei immerhin "Hockey" als Schulsport, das Segelangebot im schuleigenen Hafen und eine intensive Theatertradition. Soweit der äußere Rahmen.
Inhaltlich hat man sich heute aber vor allem vier Schwerpunkte gesetzt, um sich von anderen reformpädagogisch orientierten Internaten (und dem Ruf als "konservatives" Internat) abzuheben. Die "Erziehung zur Verantwortung" verpflichtet alle Schüler zu einem Ämterdienst, der in unterschiedlichen Funktionen und mit vielfältigen Aufgaben zum gemeinsamen Leben in der Schule beiträgt. Kurt Hahn hatte die Schule als ein "Modell des Staates" aufgefaßt, in dem jeder "Bürger" öffentliche Verantwortung zu übernehmen hat. Überspitzt formuliert: "Die Schule muß zusammenbrechen, wenn die Schüler ihre Mitarbeit verweigern." Zudem ist ab Klasse 10 jeder Schüler zu einem sozialen Dienst außerhalb der Schule verpflichtet, z.B. bei der Feuerwehr, beim Sanitätsdienst oder zum Einsatz im Asylbewerberheim.
Die internationale Ausrichtung spiegelt sich zum einen in der Zusammensetzung von Schüler- und Lehrerschaft sowie durch über Europa hinausreichende Austauschprogramme. Großgeschrieben ist auch der Schwerpunkt "Erlebnispädagogik", der die Persönlichkeitsentwicklung über das Rekapitulieren abstrakter Begriffe hinaus prägen helfen soll. In den fünf Kapiteln seines Buches, die sich zum größten Teil aus schon veröffentlichten Aufsätzen zusammensetzen, schildert Otto Seydel sehr erfrischend das, was bekanntermaßen die Spannung zwischen Theorie und Praxis ausmacht.
Wenn ein Schüler während des Unterrichtes wegen eines Feuerwehreinsatzes einfach aufstehen und den Klassenraum verlassen darf, so ist das zwar sicher ein Beispiel "für das Leben zu lernen", andererseits hat aber auch der Lehrer das Problem, mit dem Schüler den versäumten Unterrichtsstoff wieder nachzuholen. Ganz abgesehen davon, daß dabei auch das (allerdings seltene) Risiko des Scheiterns besteht, weil ein Schüler diese Freizügigkeit zur Verantwortung mißbrauchen könnte. Immerhin erwüchse daraus wiederum eine fruchtbare Auseinandersetzung, denn ein Mißbrauch konkreter Verantwortlichkeiten hätte auch ganz konkrete und für die Schüler spürbare Folgen. Umgekehrt zeitigen die den Schülern abverlangten Pflichten innerhalb und außerhalb der Schule auch Anerkennung über eine gute Zensur auf dem Zeugnis hinaus. Die Teilnahme an den Feuerwehreinsätzen und u.a. die Aufführungen der Theatergruppe werden nämlich z.B. auch von den lokalen Printmedien gewürdigt.
Neben vielen anderen interessanten Betrachtungen und Anregungen(Projekt-, Epochenunterricht), sind es vor allem zwei Punkte, die ein breiteres Echo verdienen. Das eine gilt der Lehrerrolle. Sehr überzeugend (und für so manchen Schulleiter als dringender Anstoß empfohlen!) sind Seydels Überlegungen zu dem steigenden Krankenstand innerhalb eines Kollegiums, und was ein Schulleiter, aber auch "weisungssüchtige" Kollegen dagegen tun könnten. Das andere scheint den "konservativen" Ruf zu bekräftigen, erweist sich dann aber anhand der Fallbeispiele als durchaus bedenkenswert. Gemeint ist der Ansatz der "Askese", wonach den Schülern z.B. Kaugummikauen und Colatrinken, aber auch das Spielen mit dem Gameboy untersagt und der Fernsehkonsum auf einen Termin pro Woche beschränkt wird. Demgegenüber stehen viele Feste zu festgelegten Zeiten (Sicherheit durch Rituale) sowie die Möglichkeiten, im Spiel oder s.o. auch im "Dienst" reale Erfahrungen zu machen.
Vieles, was Neil Postman in seinem neuen Buch "Das Ende der Erziehung" für die öffentlichen Schulen in den USA fordert, scheint auf Schloß Salem längst gute Tradition zu sein. Angefangen vom "Recht auf Irrtum" bishin zur Erkenntnis, daß Reformen per se nie endgültig definiert werden können, sondern "reversibel" sein müssen. So ist dem Vorwort der ehrenwerten Hildegard Hamm-Brücher insofern nicht zu widersprechen, als daß solcherart Internatserziehung eine ernsthaft zu prüfende Alternative zu den öffentlich staatlichen Schulen darstellt.
Zu bedenken bleibt aber, daß Salem trotz aller politcal correctness im Schulbetrieb in dreifacher Hinsicht elitär ist: Ein Gymnasium, das seine Schüler entweder aus finanzkräftigen Familien und/oder aus dem Pool der Leistungsstarken rekrutiert. Und bei aller Offenheit der Überlegungen von Otto Seydel wären darüberhinaus genauere Angaben über die Forderungen an die Lehrer bzw. die Frage nach deren Selbstausbeutung wünschenswert gewesen. Denn als Job fassen diesen Beruf die allerwenigsten auf, aber ab einem bestimmten Siedepunkt an "Einsparmaßnahmen" redet man entweder vom Makarenko-Syndrom oder von Resignation.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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