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Dirk Steinhöfel

Die Kinder im Wind

Graphic Novel. Thienemann Verlag, Stuttgart 2013. 224 Seiten im Großformat. 39,95 Euro. ISBN: 978-3-522-20190-2, >>> Amazon

Der kleine Wagner erlebt eine lieblose Kindheit. Dann lernt er andere Kinder kennen, die gleich ihm in schrecklichen Verhältnissen aufgewachsen sind. Am Ende erkennt Wagner, dass man sich auch selbst von einer solchen Kindheit befreien und sein Leben zum Guten wandeln kann.
Der Autor und Illustrator Dirk Steinhöfel ist wie sein Verlag mit "Die Kinder im Wind" ein hohes Risiko eingegangen - zudem hat es Steinhöfel als ein sehr persönliches Werk vorgestellt.
Der oben skizzierte "Plot" wird nahezu ausschließlich in einer aufwendigen Mischtechnik auf dem Computer generierter Bilder nach Art einer Graphic Novel ausgebreitet und wurde im aufwendigen Bildband-Folioformat mit Kunstdruckpapier ausgestattet.
Der Ästhetik der Figuren, neben Kindern und Erwachsenen sind das auch Puppen, sieht man die Computerherkunft an und die Gesichter von Puppen wie Menschen wirken gleichermaßen glatt. Dies steht wiederum im Kontrast zu den fotorealistischen Szenerien, in denen diese Gestalten auftreten. Und dies meint nicht nur unterschiedliche Landschaften und Gebäude, sondern auch unterschiedliche Zeiten, die bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückreichen.
Die wenigen Texteinschübe bieten lediglich atmosphärische Impulse und verengen sich nicht auf EINE Geschichte.
Zu Anfang hat ein Mädchen offenbar seine es liebenden Eltern verloren und muss sich mit dem ihm verbliebenen Puppen alleine durchschlagen. Dann tritt der "kleine Wagner" auf, der als Baby von seiner Mutter weggeben wurde und sich später als Kleinkind allein in den Wald aufmacht. Dort entdeckt er eine alte Lokomotive, in deren Waggons er auf andere Kinder trifft: Als erstes einen Jungen, der in einem KZ war. Dann ein Mädchen, das bei einem gewalttätigen Vater lebte. Dann ein Junge, der dem Rotlicht- und Drogenmilieu zu entkommen suchte. Am Ende treffen die Kinder auf eine "Zeugin" für die These des Autors, dass man sich selbst von einer solchen Kindheit befreien und sein Leben zum Guten wandeln kann.
So wichtig es auch ist, das Schicksal misshandelter Kinder zu thematisieren, ist dieses Buchprojekt jedoch daran gescheitert. Wer will und soll sich derartige Bilder von bestenfalls "nur" vernachlässigten Kindern überhaupt antun? Eine "Bilderwelt für Leser jeden Alters" sieht anders aus!
Die einzig vorstellbare Lektüre-Situation wäre womöglich ein Einsatz innerhalb von Psychotherapien mit davon betroffenen, bereits erwachsenen oder zumindest älteren jugendlichen Patienten. Mag sein, dass es hierbei Schleusen öffnen hilft.
Davon abgesehen ist jedoch die Gleichsetzung von Traumen wie das eines Überlebens im KZ mit den vielfältigen Ausformungen "privater" Misshandlungen von Kindern äußerst fragwürdig, erscheint das Ganze zu kurz gedacht bzw. zu platt und einfach in eine Lösung gebracht.
Derartige Traumen sollten nicht summarisch, sondern für sich allein als Geschichte in einem jeweils eigenen Buch "wahrgenommen" und ggf. mit einer womöglich selbst erlebten (Er-)Lösung auserzählt werden. Erst recht wenn sich ein derartiges Buch nicht zuletzt auch an Kinder wenden will.
Schade, denn sich dieses Themas anzunehmen und es in einem grandios ausgestatteten Buch für knapp 40 Euro auf den Markt zu bringen, nötigt allemal Respekt ab.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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