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Carel ter Haar (Hg.)

Die Fähre

Moderne niederländische Erzählungen
Suhrkamp, Frankfurt 1993, 407 S., ISBN: 3-518-40559-4, >>> Amazon

Eine der sinnfälligsten Einrichtungen der Frankfurter Buchmesse ist die jeweils wechselnde thematische Schwerpunktbestimmung zugunsten eines Landes. Dieses Jahr fiel die Wahl auf unseren Nachbarn Niederlande. Obwohl nur einen Grenzstrich von uns entfernt, wären den meisten ohne das "Literarische Quartett" noch nicht einmal Autorennamen wie Cees Nooteboom oder Harry Mulisch geläufig. Es gilt Versäumtes endlich nachzuholen!
Unter der Herausgeberschaft von Carel ter Haar legt der Suhrkamp Verlag eine pralle Anthologie vor, die das letzte Jahrhundert moderner niederländischer Erzählkunst Revue passieren läßt.
Die älteste Geschichte aus dem Jahre 1910 stammt von Louis Couperus (1863-1923), die jüngste aus dem Jahre 1992 von Rogi Wieg, Jahrgang '62. Von den 24 AutorInnen seien aus der "mittleren" Generation noch Hugo Claus und die kürzlich verstorbene Renate Rubinstein genannt. Stilistisch reicht die Palette von formalen Kabinettstückchen, wenn z.B. Anton Koolhaas in PRO FAMILIA ein Meisenpaar überzeugend ins menschliche übersetzt, bishin zu den realen, aber nicht mehr konturierbaren labyrintischen Beziehungsgeflechten in MALERLEID von Patricia de Martelaere.
Die der Sammlung den Titel gebende Erzählung DIE FÄHRE von Simon Vestdijk stellt den Vitalismus der Allgegenwärtigkeit des Todes gegenüber, indem sie einem Freibeuter die Pest als Kumpan zur Seite gibt.
Eine andere wichtige Phase in der niederländischen Literatur ist der magische Realismus vertreten durch Hubert Lampo.
Nach 1980 melden sich die nach 1950 geborenen mit der "Selbstvergewisserung des Individuums" zu Wort. Sucht man nun nach dem Unterschied zur deutschen Literatur, so sind es sicher die Erzählmotive, d.h. die Motive, warum in den Niederlanden erzählt wurde. Zwar gab es auch dort in den 60iger Jahren eine "Entkonfessionalierungsliteratur", die den Mief kleingeistiger Provinzkritiker nicht mehr bedienen wollte, aber diese Suche nach der "wahrhaftigen freien Form" wurde eben nicht durch den Ballast einer der deutschen vergleichbaren Täterschaft während des III.Reiches erschwert. Das und vielleicht auch das dem offenen Meer zugewandte Temperament erlauben den niederländischen AutorInnen einen selbstverständlichen Umgang mit (Selbst-)Ironie, der sich wie eine erfrischende Brise durch nahezu alle Texte zieht, Texten, denen man sich nicht länger verschließen sollte.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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