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Ralf Thenior

Greifer

Roman. Ravensburger Verlag, Ravensburg 1998, 192 S., ISBN: 3-473-35180-6, >>> Amazon

Hannes hält es bei seiner ständig betrunkenen Mutter nicht mehr aus und geht freiwillig ins Heim. Er will dort seinen Hauptschulabschluß machen und später Afrika bereisen. Vielleicht findet er bei der Gelegenheit auch seinen Vater wieder, der in verschiedenen Ländern dieses Kontinents immer wieder "auf Montage ging".
Dann sind aber auch im Heim die ständigen Schlägereien und Erpressungen nicht mehr auszuhalten. Drei Wochen vor Schulende flieht Hannes und trampt nach Dortmund. Nach einer Serie von Fehlschlägen wird ihm von Karol und seiner Tochter Ida Familienanschluß und sogar so etwas wie eine Ausbildungsstelle angeboten.
Karol ist "Greifer", ein gewaltloser Gentleman-Taschendieb der alten Schule, und Hannes wird sein Lehrling und Partner, indem er für die nötigen Ablenkungsmanöver sorgt. So gut sich das auch erst einmal anläßt, ist dieses Leben nicht nur von der relativ kleingehaltenen Gefahr des Erwischtwerdens bedroht. Karol leidet immer öfter unter Rheumaanfällen in seiner Hand, Ida ist auf Heroinentzug, und schließlich lernt Hannes Sylvie kennen, deren vermögende Mutter Karol und er erst kürzlich "abgegriffen" haben ...
So aberwitzig sich der Plot dieser Geschichte auf den ersten Blick auch anhören mag, Ralf Thenior hat es verstanden, ihm sehr viel Authentizität zu verleihen. Die Gratwanderung zwischen gesellschaftlicher Anpassung und Abrutschen in kriminelle Milieus scheint zum Jugendalter zu gehören, wie das Aufatmen irgendwann später, wenn man diese Zeit halbwegs unbeschadet überlebt hat. Und angesichts einer Gesellschaft, die diese Altersgruppe immer mehr sich selbst überläßt, nehmen ihre Gefährdungen in erschreckender Weise zu.
Ohne den moralinsauren Zeigefinger zu erheben, werden in diesem Buch Grauzonen ausgeleuchtet. Auch hier zählt der Einzelne und läßt sich nicht automatisch für ein Ganzes vereinnahmen.
Thenior spielt in "Greifer" jedoch ein wenig mit Klischees und Erwartungshaltungen. Der Ich-Erzähler Hannes landet nicht, wie lange Zeit zu befürchten, in einer Sackgasse, sondern bleibt bis zuletzt unterwegs. Er ist ein Kämpfertyp, der trotz schlechter Vorgaben ein Ziel vor Augen hat und es nicht aufgibt. Es stellen sich ihm neben den Fragen nach dem nackten Überleben auch solche nach dem Verantwortungsgefühl für andere. Und dann ist da noch eine wunderbar nachzuvollziehende Liebesgeschichte, die eben nicht ins phantastische 'Happy End' überzogen wird.
Sprachlich in guter Verfassung, bleibt die Tonlage dieses mitreißenden Buches nicht nur dank einzelner typischer Phrasen bis zuletzt glaubwürdig.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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