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Johannes Thiele (Hrsg.)

Das Buch der Deutschen

Alles, was man kennen muss. Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2004. 832 Seiten. 24,90 Euro. ISBN: 3-7857-2131-5, >>> Amazon

Das wohl provozierendste Buch dieses Bücherherbstes erscheint gerade rechtzeitig zum 14. Jahrestag der deutschen Einheit.
Johannes Thiele hat "Das Buch der Deutschen" herausgegeben, um der Identität als Deutscher auf die Spur zu kommen - Untertitel "Alles, was man kennen muss". In seiner Einführung mildert er zwar wohlweislich ab: " das ambitionierte Projekt eines solchen Buches wie des vorliegenden anzugehen, das den Anspruch erhebt, die maßgeblichen Texte der Deutschen zusammenzutragen, mag an Vermessenheit nicht zu überbieten sein, folgt womöglich nur naiv und fröhlich der Einladung zum Scheitern auf hohem Niveau."
Mit einem "Alles, was man wissen sollte" wäre dieses Projekt von vornherein ein Spur weniger dröhnend und marktschreierisch eingeläutet worden.
In neun Kapiteln bzw. Büchern geht es "Von den Anfängen bis zum Ausgang des Mittelalters" bis an "Die Zeit nach der Wiedervereinigung". Eingerahmt von Tacitus und dem Liedtext "mensch" von Herbert Grönemeyer versammeln sich Kerntexte aus Prosa-Literatur und Gesetzgebung, Gedichte und politischen Reden, Biographien und Vertragstexte, Briefe und Parteiprogramme. Natürlich fehlen weder Goethe noch Schiller, weder Luther noch Brecht, weder Marx noch Tucholsky und Grass und Biermann und, und, und. Als so mutig wie sinnfällig seien hier noch die eingefügten Auszüge aus "Mein Kampf", die "Sportpalastrede" und der Aufruf zum "Endkampf" hervorgehoben, die gekonnt von Stresemann und Kästner sowie Kempowski, Bonhoeffer und Gräfin Dönhoff eingerahmt und ad absurdum geführt werden.
Die Auswahl der Texte ist als eine von vielen möglichen wahrlich gar nicht schlecht gelungen, zudem wird ja auch eindrücklich dazu eingeladen, diese Auswahl für spätere Auflagen zu minimieren oder/und zu ergänzen.
(Meine Vorschläge: Unter anderem die "Stuttgarter Schulderklärung" der evangelischen Kirche vom 19.10.1945 oder/und spätere Erklärungen der Kirchen, die ihre Verfehlungen und Auslassungen gegenüber den verfolgten Juden im "Dritten Reich" erörtern sowie die politischen Reden oder/und wohltuend reflexhaften Äußerungen außerhalb der Parteipolitik zur Ablehnung einer Beteiligung an den beiden Irakkriegen.)
Ob das, wie vom Herausgeber erhofft, zu einem kanonisierten Selbstverständnis der Deutschen verhilft oder auch nur verhelfen sollte, bleibt fraglich - seine erhoffte Debatte darüber wird sicher nicht ausbleiben, nicht zuletzt auch im Zusammenhang eines immer nötiger werdenden europäischen wenn nicht gar weltbürgerlichen Selbstverständnisses.
Noch ein Wort zur Ausstattung dieses Buches: Angesichts Leinenbindung, zweier Lesebändchen und gefälliger Typographie wäre hier von einem sehr guten Preis-Leistungsverhältnis zu reden, wenn im Anhang neben dem Personenregister auch ein Index mit den einzelnen Beiträgen zu finden wäre. Im Übrigen fehlt dem Lied "Sag mir, wo die Blumen sind" der Verweis auf seine Entstehungszeit und die Autorenschaft Pete Seegers.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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