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Büchernachlese-Bestenliste 2009

Jorge Volpi

Zeit der Asche

Roman. Aus dem Spanischen von Kirstin Bleiel und Catalina Rojas Hauser. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009. 512 Seiten. 24,90 Euro. ISBN: 978-3-608-93701-5, >>> Amazon

Irina Nikolajewana Sudajewa, Jahrgang 1932, ist Biologin, Jennifer Moore, Jahrgang 1945, Ökonomin und Éva Halász, Jahrgang 1956, Computerwissenschaftlerin. Die erste erlebte die Sowjet Union und ihren Zusammenbruch, die zweite entstammt dem US-amerikanischen Geldadel und die dritte ist mit ihren Eltern aus Ungarn in die USA eingewandert. Alle drei sind jene sprichwörtlich starken Frauen, die nicht selten in den Hintergrund vorgeblich starker Männer geraten und von dieser Position aus sogar die Geschicke der ganzen Welt mitbestimmen - ohne dass es ihnen je wirklich gedankt würde. Und da ist noch der Erzähler, der 1958 in Baku geboren wurde und später vor allem als Journalist in diesem Roman eine Rolle spielt. Für ihn bildeten die drei Frauen und ihr jeweiliger Anhang "ein virtuelles Netz, Punkte in einem Koordinatensystem", die er als "glückloser Kartograph" miteinander zu verbinden hat.
Die Punkte dieses Koordinatensystems zu verbinden weiß aber vor allem der mexikanische Autor Jorge Volpi, der bereits mit seinem preisgekrönten Roman "Das Klingsor-Paradox" für Furore sorgte, ihn nun aber mit seinem neuesten Roman "Zeit der Asche" womöglich sogar übertrifft. Wirkte "Das Klingsor-Paradox" angesichts seiner Auseinandersetzungen um die höhere Physik zuweilen ein wenig hermetisch konstruiert, entfaltet Volpi in "Zeit der Asche" ein fesselndes Panorama des ausgehenden 20. Jahrhunderts insbesondere für die Jahre 1985 bis 2000. Tschernobyl, Fall der Mauer, Genforschung und nicht zuletzt das sich bereits weltweit anbahnende und politisch durchaus geduldete Aufblähen virtueller Kapitalmärkte werden samt ihrer bis in die 1920er und 1930er zurückreichenden Vorgeschichten manifester Teil der drei Frauenbiographien, die wiederum mittelbar und unmittelbar auch auf viele Personen der Zeitgeschichte treffen. So werden u.a. Michail Gorbatschow oder Marvin Minsky keineswegs nur zitiert, sondern zu geschmeidig und geschickt eingefügten Protagonisten des fiktiven Geschehens. All die historisch-biographischen Aspekte der jüngeren Vergangenheit gewinnen dank der durchweg starken, wenn nicht gar extremen Charaktere die Sogkraft eines mehrbödigen Thrillers, wird doch das eine oder andere schon wieder in Vergessenheit geratene mit dem in Verbindung gebracht, was uns alle gerade in seinen Folgewirkungen immer mehr umtreibt.
Unterhaltung vom Feinsten, die auf hohem literarischen Niveau sehr fesselnd das Große im Kleinen und das Kleine im Großen widerzuspiegeln weiß.

Buechernachlese © Ulrich Karger


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